Ars Electronica : Second-City in Linz

Künstler und Secondlife-Experten aus Berlin präsentieren in Linz die Second-City. Zum Start des weltgrößten Medienfestvials "Ars Electronica" holen sie das virtuelle Leben auf die Straße.

Miriam Bandar[dpa]
Ars Electronica Foto: Ars Electronica/Promo
Der Berliner Künstler Aram Bartholl hat die virtuelle Welt von Secondlife in Linz nachgestellt. -Foto: Ars Electronica/Promo

LinzIn Linz spaziert eine Frau durch die Fußgängerzone - ihr Name prangt in Großbuchstaben auf ihrem Haarreifen, eine Sprechblase schwebt über ihr. Die Szenerie wirkt absurd, doch für die virtuelle Welt Second Life (Zweites Leben) ist sie tägliche Realität. In der österreichischen Stadt Linz hat der Berliner Künstler Aram Bartholl die virtuelle Welt in einer ganzen Straße für eine Woche real nachgebaut. Sein Projekt ist Teil des Medienkunst-Festivals "Ars Electronica", das am Abend eröffnet wird.

Unter dem Motto "Goodbye Privacy" beschäftigen sich Künstler und Wissenschaftler bei dem Festival bis zum 11. September mit der zunehmenden Überwachung in der Gesellschaft und dem gleichzeitigen freiwilligen Exhibitionismus im Internet. "Für mich ist Second Life ein guter Spiegel der Gesellschaft", sagt Bartholl, der das Projekt auch leitet. Wie in der Realität geht es in dem Internetspiel hauptsächlich um Konsum, Status, gutes Aussehen und Erfolg. Bisher habe jedoch immer nur die reale Welt die virtuelle beeinflusst. Statt sie neu zu erfinden, hätten Menschen meist die Realität kopiert: "Ein Nutzer kommt in eine virtuelle Welt, in der alles möglich ist - und als erstes baut er sich ein Haus und kauft sich ein Auto."

Konsumgüter für Secondlife Avatare

Mit seinem Projekt in Linz lässt er dagegen echte Menschen eine künstliche Welt kopieren. Dabei interessieren Bartholl besonders die Momente, in denen das Zweite Leben anders ist als das Erste. "Ich versuche Realitäten zu brechen", sagt er. In der Marienstraße in Linz ist jeder Laden auf die Bedürfnisse der Second Life Avatare ausgerichtet. In einem Geschäft können die Kunden sich die Haare so schneiden lassen wie ihr künstliches Ich, in einem anderen können sie sich ihren Namen ausschneiden und per Haarreifen auf den Kopf montieren. Zwei Techniker laufen Besuchern hinterher und halten ihnen ein Display über den Kopf, über eine Tastatur sollen sie ihre Unterhaltung notieren, die dann von allen mitverfolgt werden kann.

"In Chats und Second Life sind diese Sprechblasen über den Köpfen normal, in der Realität wirft das natürlich Fragen nach Datenschutz und Privatsphäre auf", sagt Bartholl. Pillen und Fitnessshakes türmen sich in der Auslage des Ladens von Joachim Stein. Er berät die Festival-Besucher, was sie tun müssen, um so auszusehen wir die Avatare von Second Life, die meist durch überperfekte Körper auffallen. In seinen Handlungsanweisungen schreckt der Künstler auch vor Geschlechtsumwandlungen, plastischer Chirurgie und illegalen Substanzen nicht zurück, damit die Nutzer auch wirklich die digital erwünschte Körbchengröße oder Muskelmasse erreichen.

Kein Essen - kein Schlafen

In dem Workshop der Berliner Künstlerin Linda Kostowski bauen Besucher Objekte aus der Zweiten Welt - vom Fernseher bis zum Motorrad - als Bastelarbeit aus Papier nach. "Der hier ist in der echten Welt genauso sinnlos wie in der künstlichen", sagt Kostowski und hält einen dreidimensionalen Papier-Donut in die Höhe. In Second Life sind die Bewohner von Grundbedürfnissen wie Essen und Schlafen befreit. Ein paar Häuser weiter können Nutzer in einem echten Laden, der so aussieht wie in Second Life, künstliche Produkte wie ein Auto für ihre Avatare erstehen. Techniker lassen die Waren dann in der künstlichen Welt erscheinen und der Kunde erhält in der Marienstraße einen Plastikchip in Form des Gekauften als Beleg.

"Interessant ist, ob die Menschen dann mehr Interesse am Plastikchip oder an der künstlichen Ware haben", sagt Bartholl. Auf dem Linzer Pfarrplatz treffen dann virtuelle und reale Welt endgültig aufeinander, den dort aufgeschütteten Strand mit Liegestühlen gibt es zeitgleich in der Internet-Erlebniswelt. Über ein komplexes Soundsystem hören die echten Besucher, wo die Internet- Gäste gerade gehen und stehen. Und wenn ein Avatar im virtuellen Pfarrplatz in das Wasserbecken schlägt, spritzen Düsen die echten Besucher in ihren Liegestühlen nass.