Artenschutz : Brüte schnell, du stolzer Adler

Auf der A 11 gibt es regelmäßig Staus an einer Baustelle. Dort wird nicht weitergebaut, um die letzten sieben Schreiadlerpaare während der Brutzeit vor Lärm zu schützen.

Claus-Dieter Steyer

PfingstbergAuf diese Verkehrsmeldung können sich Reisende an jedem Sonntagnachmittag verlassen: „Autobahn A 11, Dreieck Uckermark – Berlin: Stau vor Pfingstberg.“ Nur die Längenangaben schwanken zwischen fünf, sieben oder gar zehn Kilometern. Sie dehnen die Autofahrt von Usedom oder Rügen nach Berlin oft um eine Stunde oder noch länger aus.

Da bleibt dann genügend Zeit dafür, sich beim nur zögerlichen Vorankommen vor und in der rund fünfeinhalb Kilometer langen Baustelle zu wundern. Oder zu ärgern. Denn weit und breit deutet nichts auf laufende Arbeiten hin. Auch an anderen Wochentagen tut sich hier nichts. Niemand unternimmt etwas, um die im letzten Winter und Frühjahr weggebaggerte zweite Fahrspur in Richtung Berlin zu ersetzen. Kein Schild gibt Auskunft über dieses Ärgernis auf der auch für den Güterverkehr von und nach Polen wichtigen Trasse.
Der Chef des Brandenburger Landesbetriebes Straßenwesen, Hans-Reinhard Reuter, zuckt mit den Schultern. „Der Naturschutz zwingt uns zu dieser Pause“, sagt er und bedauert die Belastungen. „Wir haben die Ruhe um die Horste wertvoller Tierarten zu respektieren.“ Der seltene Schreiadler und der Schwarzstorch hätten in diesem Teil des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin ihr Revier. „Nun hoffen wir, dass wir Ende August, wenn die Brutzeit voraussichtlich zu Ende ist, die Maschinen wieder anwerfen und die Richtungsfahrbahn komplettieren können.“ Zur nächsten Reisesaison dürften die Staus dann endlich auch in diesem Abschnitt verschwunden sein.

Zeitweilig gab es im Landesbetrieb, der das Brandenburgische Autobahnamt ablöste, die Idee, vor der Baustelle Hinweistafeln aufzustellen. Darauf sollte auf den Grund des Baustopps und auf den Verursacher aufmerksam gemacht werden. „Aber damit hätten wir die Verwaltung des Biosphärenreservates vielleicht provoziert“, meint Wolf-Rainer Szameitat, Herr über alle Brandenburger Autobahnen. „Schließlich wollen wir sie weiterhin als guten Partner behalten.“ Außerdem sei die Ruhe auf der Baustelle die Folge eines ordnungsgemäßen Einwandes gegen die Pläne. Daran gebe es nichts zu kritisieren.

Die Anzahl der Vögel nimmt weiter ab

In Dresden schafften es die Naturschützer gerade, den Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke über die Elbe durch den Nachweis der Kleinen Hufeisennase, einer seltenen Fledermausart, zu blockieren. Die in der Nähe der Autobahn lebenden Schreiadler sind mindestens genauso wertvoll wie die Kleine Hufeisennase. Wie das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin mitteilte, handelt es sich um die kleinste in Deutschland vorkommende Adlerart. Sie brüte nur noch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. „Bei uns leben derzeit noch etwa sieben Paare. Die Zahl der Paare nimmt ab“, bedauert Reservatsleiter Eberhard Henne. Ursachen dafür seien die Landschaftszerschneidung durch Straßen und Wege, die Zerstörung von Lebens- und Nahrungsräumen des Adlers und die forstliche Nutzung von Altholzbeständen in den bevorzugten Brutgebieten. Im internationalen Maßstab gilt die Anwesenheit von Schreiadlern in einer Landschaft als ein sicheres Indiz für ihren hohen ökologischen Wert, insbesondere für den guten Zustand alter Laubmischwälder und artenreicher Wiesenlandschaften als Nahrungsrevier.

Deshalb wehrt sich der Biosphärenreservatschef auch gegen die schon ausgeschilderte Route des Radfernweges Berlin-Usedom im Bereich der Autobahn zwischen Steinhöfel und Stegelitz. Die Radler würden so direkt durch das Brut- und Nahrungsgebiet des Schreiadlers fahren. Nach Angaben aus der Reservatsverwaltung ging im vergangenen Jahr die Brut des Schreiadlers wegen „illegaler Bautätigkeit“ und „starker Beunruhigung durch Menschen“ verloren. Deshalb sollte die Radroute einen anderen Weg nehmen. Allerdings ist die derzeit bestehende Ausschilderung auf allen Kartenwerken und im Internet vermerkt. Für staugenervte Autofahrer gibt es aber eine Alternative. Sie sollten die Autobahn in Gramzow verlassen und auf der fast parallel verlaufenden Bundesstraße 198 bis zur Auffahrt Joachimsthal reisen. Bisher hat sich das offenbar noch nicht herumgesprochen.

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