Asien : China im Blick

Das "Reich der Mitte" bewegt die Welt. Vier Autoren versuchen eine Annäherung an das Phänomen China auf unterschiedliche Weise.

Iris Auding[dpa]
Shanghai
Die Boom-City Shanghai.Foto: ddp

HamburgChina bewegt die Welt. Die Rede ist von zweistelligen Wachstumsraten und einem Milliardenmarkt. Von der boomenden Metropole Schanghai und den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Von der bemannten Raumfahrt und von Raketentests. Doch neben
den Glanzseiten des bevölkerungsreichsten Landes der Erde gibt es auch Schattenseiten: fehlende Meinungsfreiheit, eine vielerorts zerstörte Umwelt, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Vier Autoren versuchen eine Annäherung an das Phänomen China  auf unterschiedliche Weise.

Wolfgang Hirn(Wolfgang Hirn "Angriff aus Asien. Wie uns die neuen Wirtschaftsmächte überholen"), Reporter beim "Manager Magazin", schlägt in seinem Buch "Angriff aus Asien  Wie uns die neuen Wirtschaftsmächte überholen" einen großen Bogen und spricht von den aufstrebenden Ländern Brasilien, Russland, Indien und China, die er BRIC-Staaten nennt. Brasilien und Russland liefern die Energie und die Rohstoffe, die Indien und China für ihre Entwicklung brauchen. Hirns These ist, dass die Jahrhunderte lange westliche Dominanz allmählich zu Ende geht. Nach und nach werde eine neue Weltordnung entstehen, die multipolar und vorwiegend nicht-westlich sein werde.

Zugängliche Sprache

Das Buch ist übersichtlich gegliedert, der Leser kann jederzeit einsteigen. Hirn schreibt kompakt und konkret.  Er stellt im Westen nahezu unbekannte Firmen wie Haier vor, die mit Geschirrspülern und Waschmaschinen Milliarden umsetzen und in China eine der populärsten Marken sind. Der Autor hat viele Interviews geführt und zahlreiche Zeitschriften ausgewertet. Allerdings kommt es zu Wiederholungen. Den Schattenseiten des chinesischen Modells wie einer fehlenden unabhängigen Justiz, der Todesstrafe und den gewaltigen Umweltproblemen widmet Hirn zwei knappe Seiten am Schluss,  das ist viel zu wenig.

Der Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung" in Peking, Urs Schoettli, vertritt in seinem Buch "China  Die neue Weltmacht" ebenfalls die These, dass das 21. Jahrhundert zu einem asiatischen Jahrhundert werden wird. Er fordert den Westen auf, sich intensiv mit der Geschichte und Kultur Asiens beziehungsweise Chinas zu beschäftigen. Nur so sei es möglich, die politischen Risiken in der Entwicklung des heutigen China zu analysieren. Knapp schildert Schoettli zunächst die Geschichte: Von Konfuzius über die Opiumkriege bis zur Gründung der Volksrepublik 1949.

Die Phase der Öffnung

Er lobt die Erfolge der Wirtschaft seit Beginn der Öffnungspolitik Ende der 70er Jahre, erwähnt aber auch, dass China für die große Mehrheit seiner Bewohner noch immer ein Entwicklungsland ist und spricht von der hohen Belastung für die Umwelt. Schoettli beschreibt das Reichtumsgefälle und das Schicksal von Millionen Wanderarbeitern, die wesentlicher Teil des Aufschwungs sind, aber kaum Rechte haben. Der Autor stellt fest, dass es bei den Menschen und Bürgerrechten nach wie vor eklatante Defizite gibt. Gleichzeitig analysiert er schlüssig, dass die meisten Chinesen mehr Rechte und Eigenverantwortung haben als je zuvor; dass die Medien zwar weiter zensiert werden, aber auch mehr Freiheiten genießen.

Der Autor geht differenziert auf Probleme und Chancen ein, China lässt sich nicht auf einen Nenner bringen: "Zu Maos Zeiten lebte ganz China im selben Zustand der Unterentwicklung, in demselben Steinzeitalter. Heute reicht die Bandbreite vom 21. Jahrhundert bis zum Mittelalter."

Widersprüchlicher Kontinent

 Auch Oliver August, ebenfalls Journalist und von 1999 bis 2006 China-Korrespondent der Times, nähert sich den Widersprüchen des Kontinents China. Der Titel seines Buches "Auf der Suche nach dem roten Tycoon  Chinas kapitalistische Revolution" klingt wie der eines Romans, tatsächlich hat August eine Reportage geschrieben. Es geht um das Leben von Lai Changxing - Schlüsselfigur in einem der größten Korruptionsskandale in der Geschichte der Volksrepublik China. In den Milliardenschmuggel waren Funktionäre der Regierung der südchinesischen Hafenstadt Xiamen, der Polizei, des Zolls und des Militärs verwickelt.

Lai Changxing, vom einfachen Bauernsohn zum Chef einer Unternehmensgruppe aufgestiegen, flüchtete schließlich nach Kanada und wurde dort Ende 2000 verhaftet. August beschreibt die kapitalistische Gesellschaft im kommunistischen System authentisch, er vermittelt Einblicke in das Leben von Neureichen und Migranten. Der Leser erfährt etwas über den Stellenwert des Essens, über die Sucht nach Namen und Titeln, über Freundschaften, die chinesische Sprache. Auch Historisches wird gestreift. Der rote Faden aber ist der Aufstieg und Fall Lais, seine Geschichte bildet den Spannungsbogen. Der geht allerdings ab und zu verloren, das Buch hat Längen.

Ein Symbol für eine Nation

Julia Lovell widmet sich in "Die Große Mauer" dem chinesischen Nationalsymbol. Sie beschreibt die Geschichte der Mauer in den verschiedenen Dynastien und ihre letztliche Nutzlosigkeit bei der Abwehr von Invasoren. Lovell räumt mit den Mythen auf, dass die chinesische Mauer vom Mond zu sehen ist, dass sie eine feste Grenze markierte, dass sie je einheitlich oder vollständig war. Die Autorin betrachtet die Geschichte Chinas im Spiegel der Mauer und schlägt einen Bogen bis in die Gegenwart: Heutzutage kämpft das Regime gegen die Gefahren des Internets, aber auch diese Firewall ist löcherig. Lovells Buch strotzt vor Details, für den interessierten Leser ist es eine Fundgrube.