Der Tagesspiegel : Asyl: Dolgeliner Pfarrer attackiert das Innenministerium

Claus-Dieter Steyer

Der Pfarrer von Dolgelin im Oderbruch, Olaf Schmidt, hat den Umgang des Innenministeriums mit der zur Abschiebung bestimmten vietnamesischen Familie Nguyen am Freitag als "beschämend" kritisiert. Die Behörde habe das Risiko einer komplizierten Schwangerschaft der Frau bewusst in Kauf genommen. "Frau Than Ha Hoang droht eine Frühgeburt. Sie muss ruhig zu Hause im Bett liegen. Dennoch bestand das Ministerium auf einer Ausreise des Vaters und des Sohnes", sagte der Pfarrer gestern. "In so einer Situation ist die Anwesenheit der Familie unbedingt erforderlich." Die Beamten hätten aber nicht auf die besondere psychische Situation der Frau reagiert und auf der unmenschlichen Familientrennung bestanden.

Erst die Briefe des Landesbischofs von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, und des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse an Innenminister Jörg Schönbohm hätten die Behörde umgestimmt, meinte Pfarrer Schmidt. Darin hatten sie die Brandenburger Ausländer- und Asylpolitik heftig kritisiert. Nur durch diese Debatte sei die jetzt bis zum 31. Oktober befristete Duldung der Familie erreicht worden. Der voraussichtliche Geburtstermin liegt lediglich zwei Wochen früher. Der Pfarrer hoffe allerdings, dass die Familie auch danach noch in Deutschland bleiben dürfe.

Die vietnamesische Familie lebt seit November 1990 in Deutschland. Damals waren Than Ha Hoang und Van Tuang Ngyen, die 1989 geheiratet hatten, illegal über die Grenze aus der CSSR eingereist. Seit 1986 hatten sie als so genannte Vertragsarbeiter in der tschechischen Textilindustrie gearbeitet. Der Asylantrag in Deutschland wurde abgelehnt. 1990 wurde ihr erstes Kind mit einer Asthma-Krankheit geboren. Der Junge besucht seit September eine dritte Klasse, wo er zu den Besten gehört.

Angesichts der drohenden Abschiebung von Vater und Sohn stand die aus Hanoi stammende Familie im Mai hilfesuchend vor dem Pfarramt von Dolgelin. Die Türen zum Pfarramt öffneten sich. Vier Monate wurde die Familie im Pfarrhaus und bei einzelnen Mitgliedern der Kirchengemeinde versteckt. "Wir erlebten eine unerwartete Spendenbereitschaft", sagte die Asylberaterin im paritätischen Wohlfahrtsverband, Sabine Grauel. 6000 Mark seien auf dem Spendenkonto eingegangen. Gerade gestern habe die Gemeinde ein Päckchen aus Elsterwerda mit selbstgestrickten Söckchen und besten Wünschen für eine glückliche Geburt erhalten. Andererseits gab es aber auch Plakate und Postwurfsendungen mit dem Emblem der NPD. Mehrere Anrufer forderten den Pfarrer auf, sich um die "eigenen Schäfchen der Gemeinde" zu kümmern.

Der Sprecher des Innenministeriums hatte in dieser Woche der Kirche ein "Unterlaufen rechtsstaatlicher und demokratischer Entscheidungen" vorgeworfen. Der Fall der vietnamesischen Familie bedeute eine Diskreditierung des Asylrechts. Es verlangt von den vietnamesischen Flüchtlingen einen Nachweis von Wohnung und Arbeit.

Pfarrer Schmidt bezeichnete die jetzt ausgesprochene Duldung der Vietnamesen als Erfolg der Zivilcourage. Man müsse mitunter auch etwas außerhalb der Gesetze unternehmen, um Menschen in Not zu helfen.

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