Atom-U-Boot-Unfall : Tödliche Testfahrt

Offiziere und Zivilisten auf dem russischen Atom-U-Boot „Nerpa“ sterben an Gasvergiftung. Der Unfall ereignete sich, als sich das Löschsystem an Bord ohne erkennbaren Grund automatisch einschaltete.

Claudia von Salzen,Elke Windisch

Berlin/ MoskauEs war das schwerste Unglück in der Geschichte der russischen Kriegsmarine seit dem Untergang der „Kursk“: Drei Offiziere und 17 Zivilisten starben in der Nacht zum Sonntag auf dem russischen Atom-U-Boot „Nerpa“. Der Unfall ereignete sich, als sich das Löschsystem an Bord ohne erkennbaren Grund automatisch einschaltete. Dabei wurde das Kältemittel Freon freigesetzt, was bei den Betroffenen zu einer Gasvergiftung führte. An Bord habe es keinen Brand gegeben, der Atomreaktor und andere Teile des Bootes seien bei dem Unfall nicht beschädigt worden, sagte Flottensprecher Igor Dygalo. Das U-Boot sei zwar von zwei Bugsierschiffen in den Hafen Bolschoi Kamen begleitet worden, habe diesen aber mit eigenem Antrieb erreicht.

Das Unglück hatte sich bereits am Samstagabend um 20 Uhr 30 Ortszeit im Japanischen Meer ereignet. In Moskau war es da erst 13 Uhr 30. Russische Medien berichteten über die Tragödie dennoch erst am nächsten Morgen. Kritische Beobachter zogen daher Parallelen zum PR-Desaster beim Untergang der „Kursk“. Das Atom-U-Boot war im August 2000 mit 118 Mann an Bord in der Barentssee gesunken. Über eine Woche verfolgte die Welt die chaotischen Rettungsarbeiten und die Versuche der Marine, die Katastrophe zu verharmlosen und ihre Ursachen zu vertuschen.

Erst als das Wrack ein Jahr später geborgen wurde, gab Moskau die wahre Unglücksursache zu, eine Explosion an Bord. Weil der dadurch ausgelöste Brand den Maschinenraum bereits erfasst hatte, konnten jene 23 Besatzungsmitglieder, die damals noch lebten, das Löschsystem nicht aktivieren. Auch deshalb sei die jetzt verunglückte „Nerpa“ mit Löschanlagen ausgestattet worden, die sich bei Feuer automatisch anschalten, sagte ein ehemaliger Offizier der Schwarzmeerflotte dem Tagesspiegel. Die „Nerpa“ gehört zu der schon zu Sowjetzeiten gebauten, jetzt aber modernisierten Akula-Klasse. Boote dieses Typs gelten als besonders leise.

Der Bau der „Nerpa“ begann bereits im Jahr 1991. Doch in den chaotischen Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war in Russland für neue Atom-U-Boote kein Geld mehr da, der Bau wurde auf Jahre gestoppt. Im Fall der „Nerpa“ dauerte es sogar noch länger, bis das U-Boot fertig war. Seit Oktober ist sie im Pazifik zum Praxistest unterwegs. Auch das Unglück ereignete sich während einer Testfahrt. Das erklärt auch, warum mehr als die Hälfte der 208 Menschen an Bord Zivilisten waren: Techniker und Mitglieder der Übergabekommission der Herstellerwerft.

Unklar war am Sonntag, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Missachtung von Sicherheitsbestimmungen scheide als Unfallursache aus, sagte Wjatscheslaw Popow und dementierte damit Spekulationen russischer Medien. Popow ist Mitglied im Marineausschuss des Senats und war Chef der Nordmeerflotte, als die „Kursk“ sank. Militärexperte Pawel Felgenhauer tippte auf einen Konstruktionsfehler: Derartige Katastrophen könnten sich auf anderen U-Booten dieser Klasse jederzeit wiederholen, sagte er dem Sender „Moskauer Echo“. Der Hersteller will nun technische Anlagen und Bewaffnung noch einmal durchchecken. Seit dem Unglück der „Kursk“ vor acht Jahren gab es noch mehrere Unfälle russischer Atom-U-Boote.

Militärexperten sehen die Ursachen dafür vor allem in der mangelnden finanziellen Ausstattung der Marine, so dass sowohl der Bestandserhalt als auch die Modernisierung zu kurz kamen: „Das Militär hat nach dem Zerfall der Sowjetunion viel weniger Geld erhalten, als erforderlich gewesen wäre“, sagte Otfried Nassauer, Direktor des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit. Außerdem würden die russischen Atom-U-Boote nicht kontinuierlich gewartet, und es gebe durch finanzielle Engpässe und strukturelle Mängel bedingte Lücken in der Ausbildung.

Das jüngste Unglück lasse erkennen, „ wie tiefgreifend die Probleme sind“, sagte Nassauer. Eigentlich wollte Russland mit der „Nerpa“ demnächst viel Geld verdienen: Moskau habe bereits mit Indien einen Leasingvertrag über zehn Jahre geschlossen, berichtete die Zeitung „India Today“. 650 Millionen US-Dollar soll Indien demnach bezahlen, im August 2009 sollte die indische Marine die „Nerpa“ übernehmen. Ob es nach dem schweren Unglück bei diesem Deal bleibt, ist ungewiss.