Atomenergie : Keine Laufzeitverlängerung für AKW Brunsbüttel

Der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins Peter Carstensen erwartet, dass Brunsbüttel 2009 vom Netz geht. Eine Laufzeitverlängerung sei politisch nicht durchsetzbar.

Kiel/BerlinSchleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) schließt Laufzeitverlängerungen für alte Atommeiler aus. "Nach den jüngsten Ereignissen gehe ich nicht mehr davon aus, dass eine Verlängerung der Restlaufzeiten politisch noch durchsetzbar ist", sagte Carstensen mit Blick auf die Pannenserie in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel. Er bedauere diese Entwicklung zwar, habe dies aber nicht zu entscheiden. "Der Zug ist abgefahren."

Carstensen betonte, zwar sei die Übertragung von Restlaufzeiten im Atomkonsens ausdrücklich vorgesehen. Aber nach den Zwischenfällen in Brunsbüttel und Krümmel gebe es eine völlig neue Situation. "Die Diskussionslage hat sich verändert", sagte er. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Dietrich Austermann (CDU) hatte sich zuletzt für die Übertragung von Restlaufzeiten auf ältere Atomreaktoren wie Brunsbüttel ausgesprochen.

Untersuchung der Sicherheitsmängel fortgesetzt

Der Kieler Innenminister Ralf Stegner (SPD) begrüßte, dass der Regierungschef den politischen Kampf um die Laufzeitverlängerung für beendet erklärte. "In der SPD gab es nie einen Zweifel, dass die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag Bestand haben würden", sagte Stegner. Er hoffe, dass nun alle Kabinettsmitglieder am selben Strang ziehen.

Unterdessen haben Experten am Dienstag die Untersuchung des Sicherheitsbehälters im AKW Brunsbüttel fortgesetzt. "Bislang sind aber nur kleinere Befunde entdeckt worden, die erst noch bewertet werden müssen", sagte der Sprecher des für die Reaktoraufsicht zuständigen Kieler Sozialministeriums, Oliver Breuer. Eine abschließende Bewertung sei erst am Mittwoch möglich.

Brunsbüttel weiter abgeschaltet

Die Sachverständigen begutachten seit Montag unter anderem die im Sicherheitssystem in der vergangenen Woche entdeckten fehlerhaften Halterungen für Rohrleitungen des Not- und Nachkühlsystems. Drei Halterungsplatten mit zu großen Bohrlöchern wurden ausgetauscht. Bei den Arbeiten wurde ein Dübel entdeckt, der vom vorgesehenen Sitz abweicht.

Das AKW Brunsbüttel war am Samstag komplett abgeschaltet worden. Der Meiler befand sich bereits zuvor wegen eines Ölwechsels am Transformator nur in einem Stand-by-Zustand. Am 28. Juni waren die AKW Krümmel und Brunsbüttel per Schnellabschaltung heruntergefahren worden. Im AKW Krümmel hatte nach einem Kurzschluss ein Transformator gebrannt. Wenige Tage später wurde bekannt, dass es bei der Abschaltung zu Missverständnissen zwischen dem Schichtleiter und dem Reaktorfahrer gekommen war.

Ärzteorganisation wirft Vattenfall Täuschung vor

Wie am Montag bekannt wurde, hatte es in den Siedewasserreaktoren Gundremmingen, Krümmel und Brunsbüttel bereits vor 2001 Wasserstoff-Explosionen gegeben. Ein Sprecher des Kieler Sozialministeriums sprach jedoch von "abgeschlossenen Vorgängen". Es gebe keinen Zusammenhang zwischen den Vorfällen von 1987 und 1999 und der Wasserstoff-Explosion in Brunsbüttel 2001. Nach den ersten Zwischenfällen seien Gegenmaßnahmen getroffen worden. So seien beispielsweise Katalysatoren eingebaut worden.

Dagegen warf die Ärzteorganisation IPPNW dem Betreiber Vattenfall Täuschung der Öffentlichkeit vor. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) habe "einen klaren Zusammenhang zwischen den Wasserstoffexplosionen 1987, 1999 und 2001 hergestellt", sagte IPPNW-Atomexperte Henrik Paulitz. Entsprechenden Warnungen sei nicht umfassend genug nachgekommen worden. (mit ddp)