Atomkraftwerk : Die sorglose Nachbarschaft aus Krümmel

In dem idyllischen Örtchen Geesthacht machen sich die Nachbarn wenig Gedanken um die Pannen im Atomkraftwerk Krümmel nebenan. Sie finden die Vorfälle aufgebauscht. Doch manche beschleicht trotzdem ein mulmiges Gefühl.

Atomkraftwerk Krümmel
Nachbarschaft: Die Anwohner des Atomkraftwerks Krümmel gehen relativ sorglos mit den Pannen um. -Foto: ddp

Eingebettet zwischen Geesthang und Elbe erstreckt sich etwa 30 Kilometer südöstlich von Hamburg das beschauliche Geesthacht. Direkt in Nachbarschaft des nach einer Pannenserie erneut in die Schlagzeilen geratenen Atomkraftwerkes Krümmel leben fast 30.000 Menschen in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt.

Nicht wenige schwärmen von dem Ort, der von weiten Wiesen und Wäldern sowie einer reizvollen Binnendünenlandschaft umgeben ist. "Es ist schön hier", sagt ein Anwohner des Geesthachter Marktes über seine Heimat. Ganz in der Nähe thront im Ortsteil Krümmel jener Atommeiler, der den Ort seit drei Wochen nicht zur Ruhe kommen lässt.

"Ich mache mir schon Sorgen darüber, ob wir alles erfahren, was dort vorgefallen ist", sagt eine Frau vor einer Bäckerei inmitten von Geesthacht. Angst habe sie allerdings nicht. Ein Mann Mitte 30 stimmt ihr zu: "Ich fühle mich sicher hier, auch wenn die Informationspolitik von Vattenfall alles andere als glücklich verlaufen ist."

"Die Leute hier gehen eher gelassen damit um"

Bernd Burmester wohnt seit seiner Geburt 1953 in Krümmel und kennt die immer wiederkehrende Diskussion um den direkt an der Unterelbe gelegenen Siedewasserreaktor. "Die Sache" solle nicht so aufgebauscht werden, es habe "nur ein Transformator gebrannt, mehr nicht", sagt Burmester und schränkt dann ein: "Vorausgesetzt, das stimmt, was in den Zeitungen steht."

Auch Krümmel-Bewohner Dieter Ruhnke sieht "keine Gefahr für Leib und Leben" durch den Atommeiler. "Die Leute hier gehen eher gelassen damit um und sehen das alles nicht so verbissen", sagte der 66-Jährige. Schließlich seien die Störfälle erst aufgetreten, als der Reaktor erfolgreich abgeschaltet worden sei. Abgesehen davon habe jedes Kraftwerk einen Transformator, was habe das also mit der Sicherheit zu tun?

Arbeitsplätze führen zu Verdrängung

Eine junge Mutter glaubt hingegen, dass die Bewohner von Krümmel die aktuellen Vorfälle verdrängen. Immerhin zähle Vattenfall mit rund 350 Arbeitsplätzen im Kraftwerk und weiteren Jobs in Zulieferbetrieben zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region. Sie hoffe, dass der Betreiber aus seinen Fehlern gelernt habe und für künftige Fälle gewappnet sei.

Im angrenzenden Ortsteil Grünhof-Tesperhude begrüßt ein Spaziergänger den Rücktritt von Bruno Thomauske, Chef der deutschen Atomkraft-Sparte bei Vattenfall Europe, als ersten richtigen Schritt: "Er stand für die misslungene Informationspolitik." Nun müsse "alles auf den Tisch" gelegt und der Bürger "über das wahre Ausmaß" aufklärt werden.

"Wir bleiben hier"

Das südliche Elbufer, direkt gegenüber dem Atommeiler, präsentiert sich besonders idyllisch. Dort, in den niedersächsischen Dörfern Tespe, Avendorf und Bütlingen, säumen gepflegte Reetdachhäuser und Bauernhöfe die ländlichen Straßen. "Krümmel stand schon, als wir hierher gezogen sind", erzählt ein älterer Mann auf dem Deich nahe dem Fährhaus Tespe. Ihm und seiner Familie sei bewusst gewesen, was in ihrer Nachbarschaft existiere. "Abgehalten hat uns das nicht davon, uns hier niederzulassen. Und wir bleiben auch hier."

Ein junger Mann aus Avendorf ist da kritischer: "Wenn wir schon bei einem Trafo-Brand nur häppchenweise informiert werden, was ist erst, wenn es zu einem tatsächlichen Störfall kommt? Lässt man uns dann gänzlich im Dunkeln?" (Von Jana Werner, ddp)