Der Tagesspiegel : Attacke auf Ermyas M.: Rätsel um anonymen Brief

Anwälten wurde eine CD zugespielt, auf der angeblich der Täter zu hören ist Verkündung des Urteils verzögert sich um mehrere Wochen

Frank Jansen

Potsdam - Eine mysteriöse CD hat den ohnehin schwierigen Prozess um die Gewalttat gegen Ermyas M. weiter durcheinandergebracht. Die Verteidiger des Angeklagten Björn L. übergaben gestern der 4. Strafkammer eine CD, die ein anonymer Informant am Montag den Anwälten und der „Märkischen Allgemeinen“ geschickt hatte. Auf der Scheibe ist etwa zehn Minuten lang ein Mann namens „Mario“ zu hören, der sich mit hoher Stimme zum Fall Ermyas M. äußert – allerdings in allgemeiner Form. Das sei „der Täter“, hatte der Absender auf den Umschlag geschrieben, in dem die CD im Briefkasten der Anwaltskanzlei lag.

Offenkundig versucht der Informant, Björn L. zu entlasten, der ebenfalls eine hohe Stimme hat und von Freunden „Piepsi“ genannt wird. Die Staatsanwaltschaft wirft L. vor, er habe Ermyas M. in der Nacht zu Ostersonntag 2006 in Potsdam durch einen Faustschlag gegen den Kopf lebensgefährlich verletzt. In Sicherheitskreisen wurde bezweifelt, dass der Prozess eine Wende nehmen könnte.

Die Kammer lässt die CD vom Landeskriminalamt analysieren. Deshalb fallen die nächsten zwei Prozesstage aus und die Verkündung des Urteils verzögert sich weiter. Statt dem ursprünglich vorgesehenen 4. Mai ist der 20. Juni im Gespräch.

In einem Begleitschreiben behauptet der anonyme Absender, „Mario“ aus Rehbrücke (bei Potsdam) habe ständig „über den Fall mit den Schwarzen“ geredet. Der Informant gab auch eine Handy- Nummer von „Mario“ an und schrieb, „der hat immer gesagt, er weiß, dass Piepsi nicht der Täter ist“. Außerdem sind Fotos zu sehen, auf denen „Mario“ – ein Glatzkopf – in einem Dönerlokal sitzt.

Die Stimme des auf der CD zu hörenden Mannes entspreche der Tonlage, die auch auf der Mobilbox des Handys der Frau von Ermyas M. zu vernehmen ist, sagte Björn L.’s Anwalt Matthias Schöneburg. Diese Mobilbox hatte, wie berichtet, in der Tatnacht nach einem vergeblichen Anruf von Ermyas M. bei seiner Frau noch den verbalen Konflikt zwischen dem Deutschäthiopier und zwei Männern aufgezeichnet. Dabei ist zu hören, wie eine hohe Stimme „Scheiß-Nigger“ von sich gibt. Mehrere Zeugen haben ausgesagt, aufgrund der Tonlage Björn L. erkannt zu haben. Zahlreiche Bekannte von L. und sein Hausarzt bescheinigten ihm aber, dass er im April 2006 wegen einer Kehlkopfentzündung nur heiser und leise habe sprechen können. Auch zwei Polizisten, die den vier Tage nach der Tat festgenommenen L. befragten, äußerten sich ähnlich. Björn L. und der mitangeklagte Thomas M. bestreiten, etwas mit der Attacke auf Ermyas M. zu tun zu haben.

Unklar bleibt, ob der anonyme Informant absichtlich die CD gerade jetzt den Anwälten und der Zeitung zuleitete. Am morgigen Freitag wollte die Strafkammer das Stimmgutachten des Landeskriminalamts hören. Es ist bereits bekannt, dass die Experten des LKA es für wahrscheinlich halten, dass die Stimme von Björn L. mit der auf der Mobilbox identisch sei. Strafkammer und Staatsanwaltschaft werden vermutlich der Frage nachgehen, ob aus dem Bekanntenkreis von Björn L. versucht wird, die eher belastende Tendenz des LKA-Gutachtens abzuschwächen. Denkbar erscheint allerdings auch, dass der anonyme Informant eine missliebige Person denunzieren will – oder „Mario“ doch in die Tat verwickelt sein könnte.

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