Der Tagesspiegel : Attraktive Zwerge

Hungerblümchen machen ihrem Namen Ehre, denn sie sind sehr anspruchslos

Tassilo wengel

Wer die hübschen kleinen Pflanzen, die Hungerblümchen (Draba), im Garten hat, kann sich vermutlich schon an ihren Blüten erfreuen. Denn die Felsenblümchen, wie sie auch genannt werden, gehören zu den Steingartenpflanzen, die zu allererst blühen. Diese attraktiven Zwerge eröffnen schon im Februar und März den Blütenreigen und sind dazu – wie schon der umgangssprachliche Name vermuten lässt – sehr anspruchslos. Sie gedeihen in engsten Felsspalten und begnügen sich auch mit steinigen, nährstoffarmen Böden. Die natürliche Verbreitung der Gattung reicht von der Arktis über die Gebirge der Erdteile mit Ausnahme von Australien bis zur Antarktis, wo Draba funiculosa als einzige Art vorkommt.

Zur Gattung Draba gehören etwa 300 Arten, die als einjährige oder ausdauernde Kräuter meist dichte Rasen oder feste Polster bilden. Die ganzrandigen oder gezähnten Blätter sind grundständig und in einer Rosette angeordnet. Während sich die gelben oder weißen Blüten in unseren Breiten bereits im zeitigen Frühjahr öffnen, liegt die Blütezeit am natürlichen Standort oft erst im Mai oder Juni, wenn sich der Schnee allmählich zurückzieht.

Obwohl die Felsenblümchen im Garten leicht zu kultivieren sind, findet man sie recht selten. Das liegt vor allem daran, dass sie in Gartencenter und Zierpflanzengärtnereien selten zum Sortiment gehören. Nur in gut sortierten Staudengärtnereien kann man mitunter fündig werden und einige gängige Arten antreffen.

Am häufigsten wird das Immergrüne Felsenblümchen (Draba aizoides) angeboten. Es wächst in Mittel- und Südeuropa auf Felsen und bildet mit lockeren Rosetten aus kräftig bewimperten Blättern niedrige Polster von fünf bis acht Zentimeter Höhe. Von März bis April erscheinen die goldgelben Blüten in dichten Dolden über den immergrünen Rosetten. Infolge der dauerhaften Blätter ist die Pflanze auch im Winter recht attraktiv.

Sommergrün ist dagegen das Bruniablättrige Felsenblümchen (Draba bruniifolia). Es hat seine Heimat im Kaukasus, wo es vor allem in Felsspalten wächst. Die Pflanze wird etwa fünf Zentimeter hoch und bildet lockere, sattgrüne Polster aus stacheligen Rosetten, die etwa drei Zentimeter Durchmesser erreichen. Von März bis April erscheinen die goldgelben Blüten, die in einem doldenartigen Blütenstand vereinigt sind.

Sehr schön ist auch das Kappadokische Felsenblümchen (Draba cappadocica) aus den Gebirgen der zentralen Türkei. Seine Blätter sind linealisch, silbrig behaart und stehen in dichten Polstern zusammen. Von April an erscheinen die goldgelben Blüten in Dolden, die die Pflanze dicht überdecken.

Das Dachziegelartige Felsenblümchen (Draba rigida var. imbricata, syn. D. bryoides var. imbricata) ist eine besonders klein wachsende Art. Sie stammt aus dem Kaukasus und bildet sehr flache, kompakte Rasen aus kleinen eiförmigen Blättchen. Darüber erheben sich April bis Mai fünf bis sieben Zentimeter hoch die goldgelben Blüten.

Noch niedriger bleibt das Sibirische Felsenblümchen (Draba sibirica). Es wächst von Russland bis Sibirien wild und bildet mit dünnen langen Trieben lockere Rasen. Von April bis Juni entfalten sich darüber auf etwa zehn Zentimeter hohen Stängeln die gelben Blüten. Dank ihrer sibirischen Heimat ist die Art sehr robust und trotzt auch strengen Kahlfrösten.

Draba dedeana ist eine Wildform aus Spanien, die mehrfach für Kreuzungen verwendet wurde. Die Art bildet dichte Polster und hat kleine weiße Blüten, die sich im Mai entfalten. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand durch F. Sündermann die Hybride Draba x suendermannii. Es handelt sich hierbei um ein besonders empfehlenswertes Felsenblümchen. Es bildet feste Kugelpolster, über denen sich von Ende März, Anfang April bis in den Mai eine Fülle weißer Blüten erheben. Sie stehen auf etwa fünf Zentimeter hohen Stängeln und sind zu kleinen Dolden vereint.Die Züchtung ist heute noch sehr weit verbreitet und wird öfter im Handel angeboten.

Damit die Felsenblümchen über mehrere Jahre erhalten bleiben und auch zuverlässig blühen, muss man optimale Standortbedingungen schaffen. Alle Arten benötigen einen sonnigen Standort und einen durchlässigen Boden. Da diese Pflanzen in ihrer Heimat vor allem im Bereich der Felsen oder auf steinigen Böden wachsen, ist ein guter Wasserabzug wichtig. Besonders im Winterhalbjahr ist bei Staunässe die Gefahr groß, dass die Pflanzen unter Schimmelbefall leiden und eingehen. Der Boden sollte in jedem Fall nährstoffarm sein und den Bedürfnissen der Arten bezüglich des Säuregrades entsprechen.

Am besten pflanzt man sie in einen Steingarten, wo sich gut Kalkstein oder sauer wirkendes Gestein wie Granit oder Gneis platzieren lässt. Dabei wählt man entweder die Spalten zwischen den einzelnen Steinen oder Nischen, auch in feinen Splitt oder Grus können sie gepflanzt werden. Sehr hübsch wirken sie auch in Trögen oder anderen Pflanzkübeln in Gemeinschaft anderer klein bleibender Arten, ebenso am Wegrand in den Lücken zwischen Wegplatten aus Naturstein.

Ideal ist die Verwendung von Tuffsteinen, die man im Gartencenter erwerben kann. Mit einer Bohrmaschine lassen sie sich leicht Löcher für die Felsenblümchen herstellen.

Als Begleitpflanzen empfehlen sich alpine Vertreter. Vor allem sollte man keine wuchernden Stauden verwenden, damit die Felsenblümchen von ihnen nicht erstickt werden. Gut geeignet sind Mannsschild-Arten wie zum Beispiel der Schweizer Mannsschild (Androsace helvetica) oder Zwergmannsschild (Androsace chamaejasme), beide mit weißen Blüten. Auch das Steinschmückel (Petrocallis pyrenaica) mit seinen flachen Polstern und duftenden, helllilafarbenen Blüten ist gut geeignet. Gartenwilliger ist allerdings die weiß blühende Form. Unter den Steinbrecharten empfiehlt sich vor allem der Gegenblättrige Steinbrech (Saxifraga oppositifolia). Er bildet lockere bis kompakte Polster über denen sich weinrote Blüten erheben. Auch der Hauswurzähnliche Steinbrech (Saxifraga sempervivum) ist eine ideale Partnerpflanze. Er bildet hübsche, lockere Polster aus Rosetten, über denen sich dunkelrote Stängel und Blüten erheben. Schließlich soll auch die Hauswurz nicht vergessen werden. Neben zahlreichen Hybriden mit unterschiedlichen großen Rosetten ist vor allem die Spinnweb-Hauswurz (Sempervivum arachnoideum) besonders attraktiv. Sie bildet mit ihren dicht mit weißen Haaren besetzten Rosetten schnell dichte Matten, über den zahlreiche Dolden mit prächtigen rosenroten Blüten stehen.

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