Der Tagesspiegel : Auch Wörter kann man zu Tode kürzen

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

-

Am Sonntag ist in Berlin Wahltag. Klar, dass sich der Wahlkampf in der letzten Parlamentssitzung vor der Wahl neulich tüchtig bemerkbar gemacht hat. „Die Legislatur ist am Ende und Rot-Rot ist es auch“, meinte Volker Ratzmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen, an die Adresse des SPD/PDS-Senats.

Nichts gegen polemische Wortspiele. Man hat seinen Spaß, wenn sie sitzen. Doch was bitte ist eine Legislatur? Das Wort kommt von lateinisch legislatio, Gesetzgebung. Also Ratzmann wollte gewiss nicht behaupten, unsere klugen Parlamentarier seien mit ihrem Gesetzgebungslatein am Ende. Vielmehr wollte er sagen, dass die fünfjährige Legislaturperiode zu Ende geht, aber Rot-Rot am Ende sei. Nur wurde der feine Unterschied in der Verknüpfung beider Aussagen verwischt. Außerdem wurde der Begriff Legislaturperiode bedenkenlos zum Krüppel gekürzt. Das ist inzwischen gang und gäbe. Im Deutschen Universalwörterbuch des Dudens ist kommentarlos Legislatur als Kurzform von Legislaturperiode vermerkt. „Fünf Jahre sind...eine lange Legislatur“, sagte SPD-Fraktionschef Michael Müller in der Debatte. Wie wäre es mit Wahlperiode? Das ist ein kürzeres Wort und aus gutem Grund der übliche Terminus, denn ein Parlament befasst sich ja nicht ausschließlich mit der Gesetzgebung.

Im Allgemeinen halten unsere Politiker gern langatmige Reden. Doch ausgerechnet bei den Bezeichnungen der politischen Institutionen drängt es sie zu den unsinnigsten Verkürzungen. Was soll man machen? Wir lieben es unkonventionell und ziemlich regellos. Verbindliche Sprachregelungen gelten gleich als steif und starr. In besagter Sitzung des Abgeordnetenhauses tauchte prompt wieder der Begriff Bezirksversammlung auf. Zugegeben, Bezirksverordnetenversammlung ist ein schrecklich langes Wort. Das ist aber kein Grund, die Hälfte zu verschlucken. Bei mehrfacher Nennung des Gremiums bietet sich das Kürzel BVV an. Bezirksversammlung klingt, als handele es sich um die Einwohnerversammlung eines Bezirks. Vom Bezirksparlament ist ebenfalls oft die Rede, was schon eine kleine Mogelei aus Wichtigtuerei vermuten lässt. Die BVV ist eben kein Parlament, sondern Teil der Bezirksverwaltung.

Bekanntlich ist der Senat von Berlin die Landesregierung. Trotzdem hören wir immerfort vom Innensenat, Finanzsenat und so fort, wenn die jeweilige Senatsverwaltung gemeint ist. Fehlt nur noch, dass der Regierende Bürgermeister zum Regiermeister schrumpft. Ach, das schaffen sie in ihrem unsinnigen und übrigens respektlosen Hang zur Verstümmelung der Amtsbezeichnungen auch noch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben