Der Tagesspiegel : Auf dem Olymp Vergiftete Freude

Griechenland feiert: Den Gewinn der Fußball-Europameisterschaft und die Sommerspiele

Benedikt Voigt

Die Eröffnung der Olympischen Spiele 2004 fand in einem Krankenhaus am Rande Athens statt. Im KAT–Hospital erzählte ein Sprecher, dass sich die beiden prominentesten griechischen Leichtathleten bei einem Motorradunfall im Athener Vorort Glyfada verletzt hätten. Der Sprinter Kostas Kenteris habe sich ein Schleudertrauma und Beinverletzungen zugezogen, die Sprinterin Ekaterini Thanou habe Blutergüsse und eine Oberschenkelverletzung erlitten. Nur wenige glaubten die Geschichte – und so begannen die 28. Olympischen Spiele der Neuzeit noch vor der eigentlichen Eröffnungsfeier am 13. August. Mit einem Skandal.

Alles hatte die griechische Regierung dafür getan, um die Spiele zu einem Erfolg zu machen. Fast neun Milliarden Euro wendete sie für Olympiabauten, Organisation und Sicherheit auf. Und doch bleibt ein Beigeschmack, wenn man an die 15 heißen Augusttage von Athen zurückdenkt. Die Griechen hatten vergessen in die Ehrlichkeit der eigenen Athleten zu investieren. Kenteris und Thanou führten den angeblichen Motorradunfall als Ausrede dafür an, dass sie nicht zu einem Dopingtest im olympischen Dorf erschienen waren. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) untersuchte den Fall. Am fünften Tag war der Druck auf die beiden so groß geworden, dass sie ihre Akkreditierungen zurückgaben.

„Dieser Fall war für mich ein Durchbruch“, sagt IOC-Präsident Jacques Rogge, „meine erste Reaktion war: Großartig.“ Das IOC machte bei den Spielen in Athen erstmals ernst im Kampf gegen die Betrüger im Sport. Es führte 3500 Dopingkontrollen durch, so viele wie nie zuvor. 23 Sünder hat es während der Spiele erwischt. Auch die deutsche Olympiamannschaft, die in der Medaillenwertung nur auf Rang sechs landete, fiel nach den Spielen in dieser unrühmlichen Disziplin auf. Die Dopingproben der Pferde des Olympiasiegers Ludger Beerbaum und der Beinahe-Olympiasiegerin Bettina Hoy waren positiv.

Die Spiele boten einen Blick in die Zukunft. Doping wird den Sport nicht mehr loslassen. „Es liegt in der Natur des Menschen, dass er betrügt“, sagte Patrick Schamasch, der medizinische Direktor des IOC. Auch werden Sicherheit und die Leistungen der Chinesen bis zu den Spielen 2008 noch bedeutsamer werden. Vielleicht ist bis dahin auch der Fall Kenteris und Thanou abgeschlossen. Unlängst erhob die Athener Staatsanwaltschaft Anklage wegen der Vortäuschung eines Motorradunfalls. Die Olympischen Spiele 2004 sind noch nicht beendet.

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