Der Tagesspiegel : Auf der Suche nach dem Merkel-Bonus

Templin schlägt kein Kapital aus der künftigen Rolle als Kanzler-Heimatstadt

Claus-Dieter Steyer

Templin - Der Bürgermeister nahm es mit Humor. „Es ist offenbar leichter, eine Kanzlerin nach Berlin zu bringen als einen Weihnachtsbaum“, quittierte Ulrich Schoeneich das Missgeschick beim Transport einer 23 Meter hohen Fichte aus Templin nach Berlin, bei dem, wie berichtet, deren Spitze abgebrochen war. Dabei steckte hinter dem Geschenk für den Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt durchaus Kalkül. Wenn schon Werbung für Templin, dann richtig. So eine Chance wie am morgigen Dienstag komme schließlich nicht so schnell wieder: Im Zusammenhang mit der Wahl von Angela Merkel zur Kanzlerin werde bestimmt wieder dutzendfach vom „Mädchen aus Templin“ die Rede sein. In der 80 Kilometer nördlich Berlins gelegenen Kleinstadt hat die CDU-Vorsitzende ihre Kinder- und Jugendzeit verlebt.

Die Weihnachtsbaumgeschichte ist tatsächlich Stadtgespräch. Allerdings erregen sich die Gemüter weniger am missglückten Transport als vielmehr am Ersatzbaum. Denn der wurde ausgerechnet auf dem kleinen Friedhof im Ortsteil Dagersdorf gefällt. „Es ist wie früher“, schimpft ein Mann auf dem Marktplatz. „Hauptsache die Berliner haben ihren Spaß.“ Seine Begleiterin spricht gar von einem „Baumfrevel“. Jetzt stünde der Friedhof ohne sein Schmuckstück da. „Da kann die Kanzlerin zehnmal aus Templin kommen. Für die Masse der Leute wird das Leben deshalb doch nicht besser.“ Auch die angebotene Gegenleistung des Weihnachtsmarktes kann die verärgerten Templiner kaum milder stimmen. Der städtische Tourismusverein darf in einem Zelt auf dem Gendarmenmarkt für Angebote im 13000-Einwohner-Ort werben, vor allem für das große Thermalbad. Dieses steckt in großen Schwierigkeiten, nachdem ein Gutachten hunderte Baumängel aufgelistet hatte.

Fast hätte zu den Weihnachtsofferten auch eine Angela-Merkel-Tour durch Templin gehört. Die Idee dafür war schon im Frühsommer aufgekommen, als die CDU sie zur Kanzlerkandidatin kürte. „Wir haben hin- und hergerechnet“, sagt Sabine Hertrich, Chefin des Tourismusservice. „Aber ihr früheres Wohnhaus und die Schule liegen zu weit am Stadtrand.“ Zu Fuß sei die Siedlung „Waldhof“, in der Merkel aufwuchs, eine halbe Stunde vom Bahnhof und Stadtzentrum entfernt. Noch länger dauert der Weg vom großen Seehotel, in dem die meisten Touristen absteigen. Deshalb wurde über eine Kremser-Rundfahrt nachgedacht. Aber Kutscher, Pferde und Wagen lohnen sich erst bei mindestens zehn Fahrgästen.

„So groß ist das Interesse an Angela Merkel noch nicht“, räumt Sabine Hertrich ein. Und derzeit halte sich die Zahl der Gäste in der Stadt ohnehin in engen Grenzen. „Vielleicht“, so überlegt die Tourismuswerberin, „kalkulieren wir die Tour im Frühjahr noch mal neu.“ Bis dahin hat sich möglicherweise auch die nicht zu überhörende Skepsis in Templin gelegt. „Was erwarten Sie denn bei 28 Prozent Arbeitslosigkeit?“, gibt der Immobilienfachmann und bekennende Merkel- Fan Jürgen Baron zu bedenken. „Niemand hier erwartet einen Bonus für Templin.“

Zur Amtseinführung immerhin will die Kantorei einen musikalischen Gruß aus der Uckermark überbringen. Und bei der Bundestagswahl war vielleicht doch ein kleiner „Merkel-Effekt“ zu spüren: Die CDU kam zwar nur auf 27 Prozent. Das waren jedoch fast sieben Prozent mehr als im Brandenburger Durchschnitt.

Wenigstens die Schüler der Waldschule kennen ihre berühmte Vorgängerin. „Wir haben im Unterricht darüber gesprochen“, erzählt ein Junge aus der sechsten Klasse. „Interessanter waren aber die vielen Fernsehteams, die hier unterwegs waren.“ Angela Merkel hatte in dem Fachwerkbau 1973 ihr Abitur mit 1,0 geschafft. Im August war sie hier auch selbst nochmal kurz zu Besuch. Heute besitzt die designierte Kanzlerin in Hohenwalde in der uckermärkischen Einsamkeit ein Wochenendhaus. Allerdings berichten die Anwohner, dass sie schon lange nichts mehr von den Merkels gehört und gesehen haben.

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