Der Tagesspiegel : Auf der Suche nach dem verlorenen Ort

Alles spricht über den Aufbau der Garnisonkirche in Potsdam, aber keiner mehr von der lange versprochenen Synagoge. Die Jüdische Gemeinde ist enttäuscht

Volker Eckert

Potsdam. Nur ein kleines Türschild weist den Weg, „144/145 Synagoge“ steht darauf. Die Jüdische Gemeinde von Potsdam hat ein paar Räume in einem Plattenbau an der Schloßstraße gemietet. Freitags treffen sich die Gläubigen hier zum Gebet, in einem kleinen Raum mit weißen Wänden.

Vielleicht 200 Meter entfernt stand bis zum Jahr 1957 die alte Synagoge, ein prachtvoller Bau im klassizistischen Stil. Wie die Garnisonkirche wurde sie im Krieg durch Bomben beschädigt. Und wie die Garnisonkirche ließ die SED sie schließlich abreißen. Das christliche Gotteshaus soll schon bald wieder aufgebaut werden. Bei der Synagoge tut sich nichts. Mikhail Shvartz ist der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Potsdam und für Brandenburg. In Potsdam hat sie 370 Mitglieder, fast alle aus den ehemaligen GUS-Staaten. Er selber kam 1999 aus der Ukraine in die Stadt, die sein Vater 1925 verlassen hatte. Shvartz fühlt sich von den Politikern der Stadt und in der Landesregierung im Stich gelassen. Das Grundstück, das Potsdam Am Kanal anbietet, koste zwei Millionen Euro. Shvartz möchte von der Stadt ein Grundstück geschenkt haben.

Ansprüche kann er aber nicht geltend machen, denn die Gemeinde ist nicht als Rechtsnachfolgerin der Jüdischen Gemeinde anerkannt, die das Gebäude im Dritten Reich verkaufen musste. Von einer Stiftung war einmal die Rede und reichen Sponsoren aus den USA. Die Gelder würden aber nur fließen, wenn mit dem Bau begonnen werde.

So ist die verschuldete Gemeinde mit dem Grundstückskauf hoffnungslos überfordert. Rund eine Million Euro beträgt das Minus auf Landesebene. Eigentlich sollte längst ein Staatsvertrag unterschrieben sein, der auch die finanzielle Unterstützung regelt. Zwischendurch schaltete sich der Zentralrat der Juden ein. Man konnte sich nicht einigen.

„Beim Ministerium erklärt uns niemand, woran wir sind. Und der Zentralrat lässt uns allein.“ 2006 solle der Plattenbau mit der Synagoge abgerissen werden. Dann stehe wieder ein Umzug an, der fünfte mittlerweile.

Sechs Jahre ist es her, dass die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung ihren Wiederaufbau beschlossen hat. Bis zur Bundesgartenschau 2001 sollte sie stehen. Die Jüdische Gemeinde sollte das alte Grundstück am heutigen Platz der Einheit wieder kaufen. Sie weigerte sich, denn an der Stelle stehen längst Mietwohnungen.

Horst-Dieter Weyrauch, Ansprechpartner für die Jüdische Gemeinde beim Oberbürgermeister, sagt: „Das hätte damals nur einen Bruchteil des Grundstücks Am Kanal gekostet.“ Stadt und Land hatten angeboten, jeweils ein Drittel des Kaufpreises zu übernehmen. Die Zeiten, wo für so etwas Geld übrig war, seien vorbei. Immerhin deutet das Kultusministerium eine Lösung an. „Wenn es ein tragfähiges Sanierungskonzept zum Schuldenabbau gibt, könnten Landesmittel auch für die Konsolidierung der Gemeinde fließen“, sagt ein Sprecher. Zusagen für eine Synagoge gibt es aber nicht.

Einen Vorschlag hat Hans-Jürgen Scharfenberg gemacht, der Fraktionschef der PDS im Stadtparlament. Beim Aufbau der Garnisonkirche werde immer wieder das Dresdner Beispiel der Frauenkirche beschworen. „Wenn man konsequent ist“, bemerkt er, „muss man sich aber auch ein Beispiel daran nehmen, dass die Dresdner gleichzeitig ihre Synagoge wieder aufgebaut haben.“

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