Der Tagesspiegel : Auf die Mischung kommt es an

Claus-Dieter Steyer

Alle Sorgen um den Weihnachtsbaum aus märkischen Wäldern sind unbegründet. "Es gibt auch künftig noch genügend Exemplare für die Wohnstube", heißt es aus der Forstabteilung des Landwirtschaftsministeriums. Dabei hatte die Behörde selbst Befürchtungen dieser Art ausgelöst. "Wir werden den Anteil der Kiefer und anderer Nadelbäume an unseren Wäldern drastisch verringern", sagte Minister Wolfgang Birthler bei der Vorstellung des Waldzustandsberichtes. Aus jetzt 68 Prozent würden künftig nur noch 26 Prozent. Mischwald heiße das große Ziel. "Denn dieser ist nicht nur für das Öko-System gesünder, sondern auch wirtschaftlicher".

Nachfragen bei örtlichen Forstämtern und privaten Waldbesitzern führten allerdings zur Entwarnung. Kiefern, Tannen und Douglasien würden auch weiterhin in großer Zahl gerade für Weihnachtsverkäufe angepflanzt. Es gebe noch genügend Flächen, auf denen sich nur maximal zwei Meter hohe Kiefern anböten: unter Hochspannungsleitungen oder in Einflugschneisen von Flugplätzen. Außerdem seien Weihnachtsbaumverkäufe sichere Einnahmequellen.

Dennoch werden künftige Generationen einen ganz anderen Wald als derzeit vorfinden. Der Anteil der reinen Nadelwaldbestände in Eigentum des Landes werden von jetzt 162 000 Hektar auf 60 000 zugunsten von Mischwäldern verringert.

Doch auch Privateigentümer, denen rund drei Viertel aller Flächen gehören, sollen handeln. 15 Millionen Mark erhalten sie jährlich dafür als Beihilfe. In Berlin stellt der Wald-Spaziergänger schon seit längerer Zeit Veränderungen fest. Im Grunewald, Tegeler und Spandauer Forst wachsen genau wie in den Wäldern von Köpenick, Buch und Treptow weitgehend Mischwälder aus einheimischen Laub- und Nadelsorten heran.

Hinter dem großen Umbauprogramm steht die Sorge um die Gesundheit der Bäume. Gemischte Flächen können den Belastungen durch Stickstoffoxide, die vor allem in Automotoren und Kraftwerken entstehen, viel besser widerstehen. Acht Prozent aller Brandenburger Wälder weisen deutliche Schäden auf, 53 Prozent gelten als gesund, der Rest schwankt. Für Berlin dagegen meldet der Waldzustandsbericht das schlechteste Ergebnis seit 1992. Lediglich zwölf Prozent der Flächen bleiben in den Grafiken ohne Schadsymptome, 59 Prozent sind leicht geschädigt, der Rest ist deutlich geschädigt. Die Experten schieben die Schuld aufs Wetter. "Für die Kiefer bedeutete der milde und feuchte Winter 2000/2001 das fast völlige Fehlen der Vegetationsruhe", heißt es in dem Bericht.

Dadurch seien Reservestoffe verbraucht worden, die dann bei der Nadelneubildung fehlten. Die Eichen und andere Laubbäume litten unter dem heißen und trockenen Mai, die dadurch nur gering belaubte Kronen bilden konnten. Allerdings hoffen die Wissenschaftler auf die Wirkung der vielen Niederschläge in diesem Herbst. Sie könnten die Knospenbildung für 2002 fördern.

Die Wälder in Berlin und Teilen Brandenburgs leiden schon lange an saurem Boden, gesunkenem Grundwasser, der Versiegelung und steigendem Autoverkehr. "Die Bäume leben von ihrer Substanz und reagieren sofort auf ungünstige Witterung, was früher nicht der Fall war", lautet die Expertenantwort. In Brandenburg haben der weitgehende Zusammenbruch der Industrie, der drastische Rückgang der Landwirtschaft und die Umrüstung alter Heizungen den Wäldern genützt. Andererseits hat der Verkehr auf Autobahnen und Bundesstraßen stark zugenommen und macht den Bäumen zu schaffen. Viele Schadstoffe aber stammen aus der Ferne und werden mit Wind und Wolken über lange Strecken transportiert. Deshalb hält das Agrarministerium an den Umbauplänen fest. Nur Mischwälder könnten mit den Belastungen zurechtkommen.

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