Der Tagesspiegel : Auf gepackten Koffern

Längst sollte Diepensee abgerissen sein. Doch die Flughafengesellschaft und Einwohner feilschen noch um Verträge

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Von Stefan Jacobs

Diepensee. Alarm am Gartenzaun von Helga Peters: Eine Henne ist ausgerissen, und in Diepensee geht der Fuchs um. Seitdem er neulich schon den Hahn geholt hat, sind die Hennen völlig durch den Wind, sagt Frau Peters. Ihr selbst scheint es kaum besser zu gehen. Weil ihr Mann kränkelt, weil sie mit ihren fast 70 Jahren kaum noch die nötigsten Arbeiten in ihrem großen Garten schafft. Und weil das Haus immer weiter verfällt, während sie darauf wartet, nach 40 Jahren Diepensee endlich wegziehen zu können. „Das ist doch ein Scheißdorf hier. Keine Kirche, kein See, kein Wald. Nichts, woran man hängt.“ Küche und Garage fürs neue Domizil hat sie schon ausgesucht, aber ihr scheint, dass die Flughafengesellschaft mit den Verträgen nicht zu Potte kommt. Die Verträge regeln den Umzug von Frau Peters und 300 anderen Leuten aus Diepensee ins zwölf Kilometer entfernte Neu-Diepensee.

Das alte Dorf steht dem künftigen Großflughafen im Weg, vom neuen ist bisher nur eine schlammige Baustraße auf einer Brache bei Königs Wusterhausen zu sehen. Eine Mehrheit der Diepenseer hatte sich für diesen Ort entschieden. 82 Millionen Euro soll der Umzug kosten. In einem Jahr soll das alte Dorf abgerissen werden. Man liege im Zeitplan, heißt es bei der Flughafengesellschaft.

Die Henne kommt zurück. Wahrscheinlich hat sie nur bei Klaus-Dieter Adam vorbeigeschaut. Der wohnt jenseits des Ackers, kurz vor der Apfelplantage, die etwa den Verlauf der künftigen Startbahn markiert. Er ist 45 und kämpft sich gerade mit der Sense durch das Unkraut vor dem angewitterten Backsteinhaus seines Vaters. Der alte Herr Adam sitzt im Rollstuhl, weshalb sich sein Sohn entschlossen hat, mit ihm gemeinsam nach Neu-Diepensee zu ziehen. „Aber ich hätte lieber das Geld genommen und woanders gebaut“, sagt Klaus-Dieter Adam. Er könnte sich leichter von den Nachbarn trennen als von dem weiten Blick über die Felder. „Jeder ist des anderen Teufel in letzter Zeit. Und der Neid geht doch erst richtig los, wenn das neue Dorf steht.“ Das hatte Frau Peters auch schon gesagt. Zurzeit handeln die Leute gerade ihre Einzelverträge mit der Flughafengesellschaft aus. Die ist ausgesprochen großzügig. In Diepensee gibt es allerdings nur zwei Totalverweigerer, die die Flughafenleute konsequent vom Hof jagen. Die anderen pokern um jeden Gartenzwerg. Der Erfolg wird im nächsten Frühjahr zu besichtigen sein.

Bis dahin müssen sie in dem Dorf ausharren, das der Zahn der Zeit zu einem trostlos grauen Kaff zernagt. Die Blumen in den Gärten wirken wie die letzte Barriere, mit der die Leute den Verfall aufzuhalten versuchen. Am schönsten blüht es auf dem dreieckigen Friedhof, der an zwei Seiten vom Sicherheitszaun des Flughafens umrahmt wird.

Auch der Friedhof wird nach Neu-Diepensee ziehen. Robert Fischer und David Halak, beide 14 Jahre alt, sind oft hier, um die Gräber ihrer Vorfahren zu gießen. Sie fragen sich, wie man einen Friedhof transportiert, und was von Leuten, die seit mehreren Jahren hier liegen, überhaupt noch übrig ist. Aber auch die Jungen haben sich mit dem Ende ihres Dorfes abgefunden. „Die meisten hier freuen sich auf den Umzug. Ist ja auch okay, denn da drüben ist bestimmt mehr los und man kann besser einkaufen. Auch wenn es da vielleicht nicht ganz so ruhig ist wie hier.“ Tatsächlich liegt Diepensee so günstig, dass nur wenig Fluglärm ankommt. Es fliegt ja ohnehin nicht viel in Schönefeld. Autoverkehr ist auch nicht, weil der Ort ziemlich ab vom Schuss liegt und weder Einkaufsmöglichkeiten noch ein Restaurant bietet. Die Gaststätte „Zur Fliege“ hat schon seit Jahren zu; nur zwei Imbissbuden leben noch.

Nach Neu-Diepensee fährt man über alte Alleen und biegt zwischen den ersten Häusern von Königs Wusterhausen auf eine alte Pflasterstraße ab, die allmählich schmaler wird und vor den letzten Häusern in einem Sandhaufen endet. Davor stehen die künftigen Nachbarn beim Plausch und malen sich aus, wie es sein wird, wenn auf dem brach liegenden Hügel vor ihrer Tür das neue Dorf steht. „Wir wissen ja seit zehn Jahren, dass hier ringsherum was gebaut werden könnte“, sagt einer. Aber die freie Sicht wäre natürlich schöner. Da nicken die anderen.

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