Der Tagesspiegel : Auf Kurs gebracht

Klaus G. Saur verlässt den Verlag de Gruyter

Hermann Rudolph

Es ist schon ein Zeichen von Mut, wenn ein Verleger, der in den Ruhestand geht, die Frage aller Fragen stellt: Wie lange wird es noch Verlage geben? Klaus G. Saur warf sie auf bei dem Empfang, mit dem sein Ausscheiden beim Verlag Walter de Gruyter am Montagabend begangen wurde. Und gab eine nüchtern-bestärkende Antwort: Trotz des Internets könne das Verlagswesen überleben, wenn es sich modernisiert, spezialisiert und vor allem ein hohes Kostenbewusstsein entwickelt. Der Verleger, der dem alten Berliner Verlag in den vergangenen vier Jahren seinen Stempel aufgedrückt hat, prophezeite der Branche eine schwierige Zukunft, „aber sie hat eine Zukunft“.

Allerdings ist Saur nicht nur Verleger, schon gar nicht irgendein Verleger, sondern, wie sein Nachfolger Sven Fund formulierte, ein „Phänomen“. Vor 50 Jahren trat Saur, Abitur und Studium souverän beiseite lassend, ins Verlagsgeschäft ein. Auch dieses Jubiläum war an diesem Abend zu begehen. Er spielte eine erfolgreiche und verdienstvolle Rolle im deutschen Buch- und Verlagswesen.

Saur hat nicht nur seinen eigenen Verlag für Dokumentationen aufgebaut, ohne die längst keine Bibliothek mehr auskommt, sondern auch – wofür an diesem Abend im Senatssaal der Humboldt-Universität die Zahl der prominenten Gäste zeugte – Einfluss in allen möglichen Gremien ausgeübt. Und er hat schließlich das „schwankende Schiff de Gruyter“ (so das Branchenorgan „Buchmarkt“) auf Erfolgskurs gebracht und das Unternehmen mit der Übernahme seines eigenen und anderer Verlage zum größten geisteswissenschaftlichen Verlag in Kontinentaleuropa gemacht. Nur Oxford University Press ist größer.

Der Abschied eines solchen Mannes forderte, versteht sich, die Lobredner heraus, vielleicht auch, weil er doch überraschend kam, allen Versicherungen über das gegenseitige Einvernehmen zum Trotz. Christoph Markschies, der Präsident der Humboldt-Universität, huldigte in klassischer Rhetorik dem Meister des „laudatorischen Alphabets“, pflegt Saur doch eigene Reden oft aus dem Alphabet heraus zu improvisieren.

Claudia Lux, die Präsidentin des Internationalen Bibliotheksverbandes, blätterte witzig und ironisch Saurs Lebensstationen und Eigenarten auf. Wobei eine Persönlichkeit sichtbar wurde, in der sich Aktivität, Begabung zur Freundschaft und Großzügigkeit verbinden. Und Saurs beträchtliches Vergnügen an der öffentlichen Existenz einschließlich Ehrendoktoren und Auszeichnungen, von denen er eine Menge gesammelt hat, keineswegs unterdrückt wurde.

An Beschäftigung wird es dem Ruheständler nicht fehlen. Denn seine vielen Ehrenämter behält Klaus G. Saur vermutlich nur, weil er über ein phänomenales Gedächtnis verfügt. Sie reichen vom Präsidium des Goethe-Instituts bis zum Vorstandsmitglied der Leipziger Buchmesse und dem Vorsitz der historischen Kommission des Börsenvereins. Der Münchner hat in seine Berliner Zweitexistenz sogleich den Vorsitz des Freundeskreises der Staatsbibliothek übernommen. Honorarprofessor an der Humboldt-Universität, in der es auch eine von ihm gespendete Bibliothek gibt, ist er auch.

Allenfalls könnte Saur dem de Gruyter Verlag fehlen. Er sei sich bewusst, bekannte sein Nachfolger – trotz seines Alters von gerade 35 Jahren im Verlagsgeschäft ausgewiesen –, dass er in große Fußstapfen trete. Es wird nicht leicht sein, den unternehmerischen Stil, mit dem Saur dem Haus einen neuen, prägnanten Auftritt gegeben hat, weiterzuführen. Hermann Rudolph

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