Der Tagesspiegel : Auf Umwegen

Russischer Konzern hat Öllieferungen gestoppt, Schwedter Raffinerie muss Tankschiffe ordern

Sandra Dassler (mit HB)

Schwedt - „Keiner unserer Mitarbeiter ist beunruhigt, und auch kein Verbraucher muss das sein“, sagt Karl-Heinz Schwellnus. Er ist Pressesprecher der PCK Raffinerie in Schwedt. Wie jetzt bekannt wurde, hat der russische Ölkonzern Lukoil zu Wochenbeginn seine Lieferungen nach Deutschland unterbrochen. Seitdem kämen etwa 25 Prozent weniger Erdöl durch die Druschba-Pipeline, sagt Schwellnus. Die Versorgung in Deutschland sei dadurch nicht gefährdet.

Für Schwellnus ist die Situation nicht überraschend. „Wir sind bereits Ende Januar von unseren Eigentümern darüber informiert worden, dass im Februar rund ein Viertel weniger Öl geliefert werde. Deshalb haben wir uns rechtzeitig um Ersatz am Weltmarkt kümmern können.“ So sei bereits ein Öltanker zum Ostseehafen Rostock unterwegs. Von dort führt eine Pipeline direkt in die Raffinerie nach Schwedt.

Lukoil hat seine Öllieferungen nach Deutschland wie berichtet ausgesetzt, weil der zweitgrößte Erdölkonzern Russlands nach eigenen Angaben nicht mehr mit dem Preis zufrieden ist. Bei Lukoils Geschäftspartner Sunimex in Hamburg, dem deutschen Generalimporteur für das russische Öl aus der Druschba-Pipeline, sagte eine Sprecherin: „Wenn Lukoil nicht liefern will, dann suchen wir uns andere Lieferanten.“

Bereits im Sommer hatte Lukoil seine Öllieferungen nach Deutschland gedrosselt – damals angeblich wegen der von Weißrussland erhöhten Durchleitungskosten für die Druschba-Pipeline. Durch die fließt ein Fünftel des von Russland nach Deutschland gelieferten Erdöls.

Anfang 2007 hatte Russland die Leitung sogar drei Tage lang vollständig geschlossen, weil Weißrussland keinen höheren Preis für russisches Öl zahlen wollte. Da beschlich selbst Karl-Heinz Schwellnus, der schon viele Jahre lang in der PCK-Raffinerie beschäftigt ist, ein seltsames Gefühl: „Am 8. Januar vergangenen Jahres fiel der Druckanzeiger zum ersten Mal nach 40 Jahren auf Null“, erinnert er sich. Die Produktion in Schwedt musste auf 60 Prozent reduziert werden. Doch auch damals habe die Raffinerie, die unter anderem etwa 90 Prozent aller Berliner Tankstellen beliefert, keine Abstriche an der Versorgung der Bevölkerung machen müssen, sagt Schwellnus.

Bei Notfällen können die Schwedter nicht nur auf die Pipeline nach Rostock setzen, sondern auch auf 120 000 Tonnen Mineralöl zurückgreifen, die in gewaltigen Reservetanks lagern. Denn problemlos sind Liefereinschränkungen für das Schwedter Werk keineswegs. Zum einen sind das Ordern der Erdöltanker sowie der Kauf auf dem freien Markt mit zusätzlichen Kosten verbunden. Zum anderen ist das russische Erdöl schwerer und schwefelhaltiger als beispielsweise das in der Nordsee geförderte. Die Schwedter Anlagen müssen dann auf die geänderten Eigenschaften umgestellt werden. Ob die Mehrkosten Lukoil in Rechnung gestellt werden können, war gestern nicht zu erfahren. Sandra Dassler (mit HB)

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