Der Tagesspiegel : Auf verlorenem Posten

Vor zehn Jahren begann der Abriss der Grenzanlagen in Dreilinden. Viel Neues ist dort aber noch nicht entstanden

Volker Eckert

Kleinmachnow. Wenn die Mitarbeiter in der Ebay-Zentrale Deutschland Besuch von amerikanischen Kollegen bekommen, müssen sie sich manchmal anhören, ihr Firmensitz liege „in the middle of nowhere“ – sozusagen am A… der Welt. Ebay-Sprecher Joachim Guentert zeigt den Gästen dann gern den alten DDR-Wachturm vom Grenzübergang Drewitz/Dreilinden. Dann hören die Amerikaner mit ihren Witzen auf und staunen: Die deutschen Kollegen arbeiten ja auf historischem Boden.

Direkt hinter der Berliner Grenze und auf dem Gebiet von Kleinmachnow liegt heute der „Europarc Dreilinden“ – dort, wo früher einmal 400 DDR-Grenzer die Transitreisenden kontrollierten und schikanierten. Vor zehn Jahren begann der Abriss der Anlage, um Platz zu machen für den Gewerbepark, den die französische Bank Société Générale auf der grünen Wiese entwickeln wollte. Wer von der Autobahn abfährt, dem fällt zuerst ein Schild ins Auge, auf dem freie Gewerbeflächen angeboten werden. Das Schild steht auf einer weitläufigen braunen Wiese, aus der einsam der heruntergekommene Grenzturm ragt. Rund zwei Drittel der 25,5 Hektar bebaubaren Fläche liegen noch immer brach.

Die bisherigen Mieter haben sich auf der anderen, der westlichen Seite des Parks angesiedelt. Gleich am Eingang steht ein blassgelbes Ibis-Hotel, das wie ein Plattenbau aussieht. Überwiegend Geschäftsleute steigen hier ab, sagt der junge Mann an der Rezeption. Dahinter steht ein mehrflügliger, mausgrauer Flachbau. Es beherbergt ein Geschäft für Reitbedarf, einen Harley-Davidson-Händler und einen Gastronomieausstatter. Dazwischen ist das Atelier des Bildhauers Karsten Klingbeil. Der Standort sei ideal, schwärmt er: 15 Minuten zum Ku’damm und eine Natur – „wie in Brandenburg“. Ein Restaurant gebe es außerdem. „Schade nur, dass es sich nicht so richtig entwickelt.“ Zurzeit traue sich einfach keiner, zu investieren. Immerhin sollen im kommenden Jahr eine Tankstelle und ein Fastfood-Lokal eröffnet werden.

Auf der westlichen Seite hat sich seit der Wende fast gar nichts entwickelt. Die Tankstellen im roten Design der späten 60er Jahre sind verlassen, die Raststätte mit dem blauen Schriftzug „Dreilinden“ ebenfalls. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz, offenbar gibt es aber niemanden, der es nutzen will. Nur der Zoll ist noch da, in dem Gebäude, das sich über die Autobahn spannt. Hier werden Laster aus Osteuropa abgefertigt, um die Grenzübergänge in Polen zu entlasten.

Der kleine Wachturm auf der anderen Seite könnte vielleicht bald bessere Zeiten sehen. Ein Verein will ihn sanieren und darin eine Ausstellung über die Grenze zeigen. Die Finanzierung steht aber noch nicht ganz. Vorsitzender des Vereins ist Peter Boeger, er arbeitet in der Birthler-Behörde und wohnt in Kleinmachnow. Boeger erinnert sich noch an die Warterei am Grenzübergang. Und ärgert sich darüber, dass er damals nicht wusste, wie die Autos heimlich durchleuchtet wurden: „mit Caesium 137“.

Rund 300 Wachtürme gab es einmal rund um Berlin, fast alle sind verschwunden. Peter Boeger findet das schade. Kleinmachnow sei die kinderreichste Gemeinde Deutschlands. Den jungen Leuten, die nach ’89 geboren sind, müsse man die authentischen Orte erhalten: „Für die ist doch die Wende so lange her wie die Französische Revolution.“

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