Der Tagesspiegel : Auf zum Gefecht!

Hobbysoldaten spielen in Großbeeren die historische Schlacht gegen Napoleon nach

Andreas Conrad

Großbeeren. „Unten falten, oben drehen.“ Aus einem Notizzettel die Hülle einer Schwarzpulver-Ladung zu formen, erfordert Fingerfertigkeit – und Geduld. 30 Schuss pro Infanterist, da muss Ronny Röbisch noch einiges Papier rollen, falten, drehen an diesem Vormittag. Und dabei kann er nicht mal mitballern, muss, bevor am Nachmittag ein Kulissenbauernhof zu requirieren ist, wieder nach Hause, wegen Renovierungsarbeiten in seiner Wohnung.

Dort, im zivilen Leben, studiert er Maschinenbau an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin-Blankenburg. Hier, im „Biwak“ von Großbeeren, trägt er trotz hochsommerlicher Temperaturen den derben grünen Waffenrock der Freiwilligen Preußischen Jäger des 3. Westfälischen Landwehrregiments. Eine vergleichsweise schlichte Uniform, die Herkunft aus dem Forstwesen, auf das auch das Jägerhorn an der Patronentasche verweist, ist ihr noch deutlich anzusehen. Andere Einheiten, die an diesem Wochenende in der knapp südlich von Berlin gelegenen Gemeinde mit viel Pulverdampf, Kanonendonner und Trommelwirbeln den 190. Jahrestag der Schlacht von Großbeeren begehen, sehen viel farbenprächtiger aus. So wie die Soldaten vom Königlich Finnischen Artillerieregiment von 1794 zum Beispiel. Einer der Kanoniere hat sogar seinen kleinen Sohn in eine historische Uniform gesteckt. Kindersoldaten? Hier kein Problem.

Frauen übrigens auch nicht. Wäre ja langweilig ohne sie, am Lagerfeuer wie später im Zelt. Ganz authentisch sind die leinenen Spitzzelte ja nicht, die die Jäger aufgestellt haben, würden eher zum amerikanischen Bürgerkrieg passen als zu den Befreiungskriegen. Aber einfach nur in eine Decke einrollen wie1813 noch üblich – nee, ein bisschen Komfort muss schon sein.

Obwohl zumindest bei den Freiwilligen Jägern alle gedient haben, vier Jahre aufwärts, wie „Oberjäger“ Olaf Schröder, sozusagen der Unteroffizier der grünen Jungs, gerne hervorhebt. Er selbst beispielsweise hat zwölf Jahre bei der Bundesmarine mit Minen hantiert, später studiert und arbeitet jetzt in Wilhelmshaven als Sozialpädagoge mit benachteiligten Jugendlichen. Bevor er zu den Jägern kam, war er Wikinger. Anfangs war das mehr ein Karnevalsscherz, der aber mit zunehmendem Ernst betrieben wurde. Da mussten die Kuhhörner an den Helmen bald weichen. Die gab es bei den Wikingern ja nicht.

Klar, anfangs haben solche Kostümspiele viel mit den Räuber-und-Gendarm-Spielen der Kindheit zu tun, das gibt der Oberjäger gerne zu. Später kam die Lust dazu, Geschichte live zu erleben, nachzuspielen – und dabei in eine Welt weitab vom Alltag zu tauchen. Auch Ronny Röbisch, Reservist bei den Feldjägern, nennt als ersten Reiz die Kameradschaft und den Spaß, mit Schwarzpulver herumzuballern. „Das fetzt einfach, egal wo du herkommst und was du machst.“Das historische Interesse kam bei ihm später, steigt aber jetzt von Mal zu Mal.

Ein nicht ganz billiges Hobby. Die Uniformen müssen stimmen bis zum letzten Knopf. Zum Glück gibt es die Frauen, solche wie Olaf Schröders Monika, die wieder dabei ist in Großbeeren, im Gepäck ein Buch über Königin Luise. Die Oberjäger-Uniform ist ihrer Fertigkeit mit der Nähmaschine zu danken, die sie gerade an einem Kleid erprobt, das die Königin 1807 beim Treffen mit Napoleon in Tilsit trug. Die Vorderlader dagegen gibt es im Fachhandel, als Einschüsser erfordern sie nicht mal einen Waffenschein. Und damit man bekommt, was richtig qualmt und kracht, genügt ein „Pulverschein“ nach § 27 des Sprengstoffgesetzes.

Warum es gerade die Freiwilligen Jäger sein mussten? Da sie vor allem aus ostfriesischen Freiwilligen aufgestellt wurden, lag das für den Wilhelmshavener Schröder nahe. Reinen Linientruppen wollte er sich nicht anschließen. Das waren oft recht beschränkte Kerle, zum Dienst gepresst, konnten mit ihren primitiven Gewehren kaum richtig zielen. Dagegen waren die Jäger eine Elitetruppe, hatten Gewehre mit gezogenen Läufen und hoher Treffsicherheit, wurden gerne eingesetzt, um aus den feindlichen Linien gezielt die Offiziere und Unteroffiziere herauszuschießen. Der Rest war dann kaum mehr zu gebrauchen. Die Jäger, das war für Röber der „gesunde Mittelstand“. So wie seine eigene Truppe. Waffenstolz gibt es sogar noch im Spiel.

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