Der Tagesspiegel : Aufklärung statt Verklärung

Von Harald Martenstein

Den Abgang von Gregor Gysi aus der Politik würde ich natürlich bedauern, er ist ein witziger, intelligenter und charmanter Typ, diese Sorte ist selten. Im Zusammenhang mit den neuen, relativ konkreten, noch unbewiesenen IM-Vorwürfen gegen Gysi habe ich aus ostdeutschen Mündern wieder die bekannten Sätze gehört – ihr aus dem Westen versteht nicht, wie es damals war in der DDR, das ist eine Hexenjagd, erbarmungslos, alles, was an damals erinnert, soll kaputt gemacht oder in Misskredit gebracht werden, es muss auch endlich mal Schluss sein mit der Vergangenheitsbewältigung.

Ich verstehe da wirklich etwas nicht. Wieso solidarisieren oder identifizieren sich relativ viele ehemalige DDR-Bürger ausgerechnet mit Stasi-Spitzeln? Die Stasi, die diesen Staat schützen sollte, hat ihn doch eigentlich zerstört, die DDR ist doch nicht zuletzt an ihrer Staatsschutz-Hysterie zugrunde gegangen. Die Stasi hat Tausende der besten DDR-Köpfe aus dem Land getrieben und die Identifikation der Bürger mit ihrem Staat verhindert. Gerade diejenigen also, die das Scheitern des deutschen sozialistischen Experimentes bedauern, sollten doch einen besonders kritischen Blick auf die Stasi und auf ihre IMs haben und schonungslose Aufklärung fordern. Wer steht denn für das Positive an der DDR, für das, woran man sich auch heute noch mit Stolz erinnern kann? Der Spitzel? Nein, eher diejenigen, die in mehreren Anläufen, 1953, 1977, 1989, mit großem Mut versucht haben, dieses Land von seiner Paranoia zu erlösen und einen freieren, womöglich konkurrenzfähigeren Sozialismus zu installieren. Es ist perfide, nachträglich den IM zu einer Symbolfigur für den ganz normalen, sich angepasst durchwurstelnden DDR-Bürger zu ernennen, so, als sei ein Leben in der DDR nur als Spitzel möglich gewesen. Diese vermeintlichen Verteidiger des Ostens machen in Wirklichkeit die DDR schlimmer, als sie war, denn sie machen aus den Ostdeutschen insgesamt ein Denunziantenvolk, das sie nicht waren.

Gewiss, man muss verzeihen können. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Wahrheit auf dem Tisch liegt. Gewiss, moralischer Hochmut ist unangebracht. Ich als Westdeutscher kann nicht wissen, wie ich mich verhalten hätte, auch ich wäre vielleicht IM gewesen. Aber das spricht doch nicht gegen eine Bestrafung derjenigen, die tatsächlich zu Tätern wurden. Ein ganz anderes Beispiel: Als Kind einer Mittelklassefamilie mit höherer Bildung bin ich einem sehr viel geringeren Risiko ausgesetzt, kriminell zu werden, als jemand, der ohne Bildung und in einer gewalttätigen Familie aufwächst. Glück gehabt! Trotzdem wird man den Kriminellen bestrafen. Diejenigen aber, die auch unter schwierigen Bedingungen sauber bleiben, haben den größten Respekt verdient.

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