Der Tagesspiegel : Aufschlag zum Endspiel

„Die wissen, dass wir gemeinsam etwas versuchen“ Eine museale Schau von Robert Rauschenberg in der Berliner Galerie Michael Schultz

Christiane Meixner

Blaue Tüten, schwarze Schwäne, silberne Wasserhähne. Details wie diese tauchen in den Bildern des amerikanischen Künstlers Robert Rauschenberg massenhaft auf und wirken doch weit weg. Verantwortlich dafür sind jene fahlen Farben, die der Maler immer schon verwendet und die seine jüngeren Materialbilder so durchscheinend und ungreifbar machen wie schon die Assemblagen der frühen siebziger Jahre.

Bilder aus beiden Epochen hängen nun in den Räumen der Galerie Michael Schultz und ermöglichen den unmittelbaren Vergleich: hier der Pionier Rauschenberg, der als Wegbereiter der amerikanischen Pop-Art gilt und dessen „Combine Paintings“ längst im musealen Kanon verankert sind. Gespickt mit Tennisbällen,Verkehrsschildern, alten Gummireifen und ausgestopften Ziegen, die auf diese Weise aus der Wirklichkeit in die Kunstwelt überführt wurden. Und dort das Spätwerk des 1925 geborenen und immer noch arbeitenden Malers, das auf Papier oder Aluminiumplatten entstanden ist und wie „Grand Slam“ (2 500 000 Euro) schon einmal knapp fünf Meter breit sein kann.

Alles in der Ausstellung „Selected Works“ mit ihren 16 Werken stammt direkt aus Rauschenbergs Atelier. Auch die beiden frühen Arbeiten „Ringer (Hoarfrost)“ und „Monitor“ (75 000 bzw. 520 000 Euro), die sich auf den ersten Blick nur schwer ausmachen lassen, weil der Gesamteindruck so ein homogener ist. Sukzessive enthüllen sie dann allerdings ihr Alter, weil die natürlichen Gewebe an manchen Stellen leicht verschossen sind. Vor allem aber entlarven sie ihre Motive, die ohne jede Rücksicht auf perspektivische Sehgewohnheiten nebeneinander montiert sind. Darunter Fotografien, Zeitungsseiten oder ausschnitthafte Comicbilder, die Rauschenberg schon damals mit einem individuellen Druckverfahren auf den Stoff übertragen hat und die eindeutig aus einem anderen Jahrzehnt stammen.

Schon 1962 hatte der Künstler das Siebdruckverfahren als Möglichkeit der Reproduktion von Bildern für sich entdeckt. Anders als sein Kollege Andy Warhol entschied er sich jedoch nicht für eine massenhafte Vervielfältigung. Stattdessen nutzte Rauschenberg die Technik zur Erweiterung seines individuellen Repertoires: Zu den Reifen und Bällen gesellte sich eine mechanische Form der Malerei, die jedes Motiv in ein Raster farbiger Punkte zerlegt. Seitdem ist jedes seiner Bilder ein Experiment. Eine Mixtur aus maschinell und von Hand aufgetragenen Farben, bearbeiteten Oberflächen und alltäglichen Gegenständen wie Küchensieben und Rückspiegeln aus verbeultem Blech. Auch wenn die echten dreidimensionalen Objekte mit der Zeit seltener geworden sind und wieder jenen reinen Abbildungen weichen, wie sie die Kunst auch vor der Assemblage kannte.

„Die wissen und ich weiß, dass wir gemeinsam etwas versuchen“, hat Rauschenberg in einem Gespräch Ende der achtziger Jahre gesagt und damit keineswegs den Betrachter zum Komplizen gemacht. Sondern seine Materialien, mit denen er virtuos umzugehen weiß. Dennoch: „Manchmal funktioniert das und manchmal nicht, aber für mich ist alles austauschbar, um Vorurteilen und Erwartungen etwas entgegenzusetzen.“

Solche Versprechen lösen seine Bilder auch jetzt noch ein. Manches ist streng komponiert wie die SchwarzWeiß-Motive auf „City Stretch (Night Shade)“ von 1991: geätzte Architekturansichten auf gebürstetem Aluminium, das die kühle Wirkung der modernistischen Fassaden noch einmal unterstreicht (680 000 Euro). Anderes kommt fast zu lieblich daher, weil die Farben harmonisch ineinanderlaufen. Die Motive wirken harmlos wie jener Mann, der auf der Arbeit „Red Rover (Anagram)“ still auf einem Stuhl im Park sitzt.

Doch Rauschenberg ist vor allem subtiler geworden. Ausgestopfte Tiere oder Autoschrott braucht er nicht mehr, der einzige Rückspiegel in der Ausstellung wirkt fast wie ein spöttisches Zitat der alten „Combine Paintings“. Dank Wachs und Säure, vor allem aber dank jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit Druckverfahren, finden die typischen Schichtungen nicht mehr an der Oberfläche, sondern knapp darunter statt: Je länger man die Bilder anschaut, desto sensibler wird der Blick für die raffinierten Überlagerungen aus schwarzen Farbschüttungen, heftigen Gesten in Rot und weißem Email – die letztlich wiederum auf Rauschenbergs malerische Behauptungen der fünfziger Jahre in denselben Farben verweisen. Damals waren sie ein Reflex auf den Abstrakten Expressionismus, heute gelten diese Gemälde als seine radikalsten Bilder.

Der Künstler mischt sie mit vertrauten Motiven. Mit Affen, Fahrrädern, Säcken aus braunem Rupfen und Details anonymer Graffiti. Nichts Aufregendes, sondern Versatzstücke aus dem Alltag, die sich bei Rauschenberg zu fragmentarischen und manchmal beunruhigenden Geschichten fügen. Die losen Enden muss jeder selbst zusammenknüpfen, und wie gesagt: „Manchmal funktioniert das und manchmal nicht.“

Galerie Michael Schultz, Mommsenstraße 34, bis 10. Juni, Dienstag bis Freitag 11–19 Uhr, Sonnabend 10–14 Uhr.