Auktion : Rauchende Köpfe

In der Villa Grisebach starten die Frühjahrsauktionen mit Fotografie - und mit einem Rekord.

Christiane Meixner
Rauchender Mann Foto: Villa Grisebach
Der "Rauchende Mann" von Dieter Blum erzielte ein Rekordergebnis.Foto: Villa Grisebach

Marlene mag heute nicht. Eiskalt dreht sie sich aus dem Bild, so dass man viel von ihrem Rücken im schwarzen Mantel sieht. Bloß das Gesicht wendet die Dietrich dem Betrachter zu, und das harte Licht von oben konzentriert alle Aufmerksamkeit auf diesen hellen Fleck im schwarz-weißen Foto.

Irving Penn hat es 1948 aufgenommen, und natürlich war die abweisende Geste seines Stars eine Pose. Sie sorgt für den wunderbaren Schwung der Körpersilhouette, und so war es nicht weiter verwunderlich, dass sich gleich mehrere Bieter in der Villa Grisebach für den Originalabzug erwärmten. Hier begannen die großen Frühjahrsauktionen am Donnerstag mit Fotografie aus dem vergangenen Jahrhundert bis heute. Die Offerten zu Penn lagen Auktionator Peter Graf zu Eltz schriftlich vor, der Marlene Dietrich bei 11 900 Euro einem anonymen Bieter zuschlug. Auch für ihr zweites Porträt von Edward Steichen, das über ein Jahrzehnt zuvor entstand und ein weiches Bild in zartem Sepiaton zeichnet, gab es reichlich Interessenten, die am Telefon schließlich bis 16 000 Euro boten.

Die absolute Überraschung war mit der Losnummer 1437 allerdings ein Zeitgenosse. Dieter Blum, der viel für Magazine wie den „Stern“ oder „Vanity Fair“ arbeitet, hat in seiner Serie „Tasting Freedom“ den rauchenden Cowboy wiederbelebt. 1998 sind die Bilder im Auftrag von Marlboro entstanden – jedes für sich ein perfekt inszenierter Moment, der Freiheit und Abenteuer verspricht. Vielleicht waren es diese Aussichten, die drei Bieter im Saal zu unerbittlichen Konkurrenten werden ließen – und nebenbei für einen neuen Rekord sorgten. „Rauchender Mann“, das an eine hessische Privatsammlung ging, hat den höchsten Preis erzielt, der in Deutschland bislang auf einer Fotoauktion bezahlt wurde.

Auf 96 390 Euro kletterte der Preis für das schwarz-weiße Querformat, taxiert war es auf 30 000 bis 35 000 Euro. Ein großartiger Sprung, für den am Ende natürlich nicht bloß das Motiv gesorgt hat, sondern genauso Blum selbst, der zu den großen Namen unter den zeitgenössischen Fotografen zählt.

Prominente haben es leichter. Das war auch im Saal der Villa Grisebach zu spüren, in dem die Anspannung stieg, sobald ein vertrautes Gesicht auf den Fotografien erschiene. So wurde um Käthe Kollwitz, die Hugo Erfurt 1925 porträtierte, heftig gerungen, bis der Preis bei 10 115 Euro lag. Ähnlich erging es Walter Benjamin auf einem Bild von Gisèle Freund, das auf der Rückseite den Zusatz „unveröffentlichte Fotografie“ trug und bei 3451 Euro (Taxe 1000 bis 1500 Euro) den Besitzer wechselte. Oder Jackson Pollock, den Hans Namuth 1950 bei der Arbeit an einem dripping-Gemälde ablichtete und dessen Atelierszene von geschätzten 1800 auf 4760 Euro stieg.

Andere Stars verließen den Saal unverkauft. Ein Vintage von Rainer Werner Fassbinder, auf dem der Filmemacher Zeitung liest, stieß sofort auf Interesse. Das schöne Porträt seiner wohl wichtigsten Schauspielerin Hanna Schygulla hingegen blieb ohne Gebot. Beide waren sie Anfang der siebziger Jahre von Michael Friedel fotografiert worden und beide Porträts waren auf jeweils 600 bis 800 Euro taxiert. Allein ein bekanntes Gesicht zählt bei der Entscheidung zum Kauf offenbar doch nicht – der Augenblick und die Atmosphäre müssen ebenso stimmen. Diese Erfahrung machten auch andere Einlieferer. Bilder von Weegee etwa hätte man gleich viermal erwerben können – alle mit leichten Gebrauchsspuren, wie sie Abzüge von Reportagefotografie aus den dreißiger Jahren mit sich bringen. Auf Interesse stieß jedoch nur das ungewöhnlichste Motiv – ein Experiment, auf dem sich Weegee gleich sechsmal selbst auf einem Bild ablichtete (2975 Euro).

Mit Umbo kam dann ein Spezialist für extravagante Perspektiven ins Spiel. Seine eigenwillige Ansicht des Potsdamer Platzes, die der Bauhaus-Fotograf 1935 mit einem Fish-Eye-Objektiv aufgenommen hatte, fand bei der unteren Taxe von 14 280 Euro sofort einen Berliner Privatsammler. Andere experimentelle Aufnahmen gingen zurück, ebenso die Fotografie von Jan Versnel, Ad. Hugo van der Zyl oder Ernst Schieron, deren kühl komponierte Architekturen an diesem Tag ohne Freunde blieb. Kleine Überraschungen waren dagegen Lose wie ein anonymes Porträt von Erna Lendvai-Dircksen (1000–1200 Euro) oder die Nebellandschaft von Emanuel Gyger, um die sich plötzlich Bietergefechte entwickelten, die den Preis der oberen Taxe jeweils mehr als verdoppelten.

Spannung kam schließlich zum Ende noch einmal auf. Mit dem ersten Los der zeitgenössischen Fotografie wechselte nach gut zwei Stunden auch das Publikum. Nun wurde für Nobuyoshi Araki, Franco Fontana oder Nan Goldin geboten, deren wunderbare Farbfotografie „Kim + Mark in my red car“ von geschätzten 2500 Euro auf 4998 stieg.

Ein Schnappschuss von William Eggleston blieb ohne Interessenten, den schön morbiden Amaryllis-Strauß von Hans W. Mende mit einem Schätzpreis von 600 Euro wollten dagegen gleich mehrere besitzen. Am Ende erzielte er das Doppelte.

Das ist natürlich kein Vergleich zu jenen 22 610 Euro, die ein Bieter für „Troll 3“ (15 000–20 000 Euro) ausgab, ein digital überarbeitetes Kinderporträt von Loretta Lux. Insgesamt erzielten allerdings einige Abzüge solch beachtliche Zuschläge. Das Gesamtergebnis der Fotoauktion summiert sich so auf 612 850 Euro, was einer Verkaufsquote von 95 Prozent und gesteigerten Umsätzen von zehn Prozent im Vergleich zu 2006 entspricht. Grisebach darf zufrieden sein.