Der Tagesspiegel : Aus dem Hörsaal in die eigene Firma

Arbeiten ohne Chef: Wie Absolventen ihre berufliche Existenz gründen können

Selina Byfield

Rechtsanwalt Florian Bartels ist 32 und bearbeitet seine Fälle in Eigenregie. „Eigentlich wollte ich Zivilrichter werden, wie mein Vater“, sagt er. „Aber eine Richterstelle zu bekommen ist zur Zeit schwierig.“ Die Angaben der Senatsverwaltung für Justiz bestätigen Bartels Vermutung: 2006 etwa standen knapp 570 Absolventen des zweiten Staatsexamens gerade einmal 41 Einstellungen im Berliner Justizdienst gegenüber. Deshalb suchte sich Bartels nach dem Referendariat einen Platz in einer Charlottenburger Bürogemeinschaft. Inzwischen arbeitet er nicht nur erfolgreich als Anwalt für Urheber-, Arbeits- und Sozialrecht, er ist auch gerne sein eigener Chef. „Der größte Vorteil ist, dass ich mir meine Zeit frei einteilen und meine Fälle aussuchen kann und nicht auf Kommando Aktenstapel durcharbeiten muss.“

Kein Chef, kein Zwang: Wer sich selbstständig macht, arbeitet auf eigene Rechnung, ohne Vorgesetzte und hat im besten Fall Spaß am Job, den er sich ausgesucht hat. Ob Anwaltskanzlei, Übersetzungsbüro oder High-Tech-Unternehmen – die berufliche Selbstständigkeit kann für Uni-Absolventen eine spannende Alternative zur Festanstellung sein.

Doch die viele scheuen das Wagnis: „In Großbritannien ist die Unternehmensgründung das am häufigsten angestrebte Karriereziel, in Deutschland dagegen wollen die meisten immer noch eine Festanstellung“, sagt Dirk Radsinski. Er leitet die Humboldt Innovation GmbH, eine Tochterfirma der Berliner Humboldt Universität (HU), die als Schnittstelle zwischen Universität und Wirtschaft auch Absolventen bei der Existenzgründung betreut. Radsinski glaubt auch den Grund für die mangelnde Freude an der Selbstständigkeit zu kennen: „Das ist eine Frage der Gründungskultur und der Vorbilder. Während mit Google und Amazon in den USA vor einigen Jahren erfolgreiche Unternehmen entstanden sind, liegt die letzte große Gründung in Deutschland mit dem Software-Hersteller SAP schon gut dreißig Jahre zurück.“

Deshalb gehen auch die Berliner Universitäten immer stärker in die Offensive. An der Freien Universität (FU) etwa wird am Lehrstuhl für „Entrepreneurship“ nicht nur zum Thema Unternehmertum geforscht, sondern auch eine umfassende Beratung für Existenzgründer angeboten. An der Technischen Universität (TU) wiederum gibt es seit einigen Jahren einen „Gründungsservice“ innerhalb der Verwaltung. Dort bekommen Studenten und Absolventen Tipps, egal ob sie nur eine vage Geschäftsidee oder schon den fertigen Businessplan in der Tasche haben.

Darüber hinaus sind Existenzgründungsseminare mittlerweile in das reguläre Lehrangebot integriert. An der HU etwa gibt es ein fächerübergreifendes, mehrmonatiges Seminar, für das sich die Studenten auch Leistungspunkte anrechnen lassen können. Auf dem Plan steht zunächst die Frage, welche Eigenschaften junge Existenzgründer brauchen, um erfolgreich zu sein. „Man muss Spaß an der Arbeit haben und überzeugt sein, dass man das Richtige tut. Wenn das gegeben ist, fallen einem die langen Arbeitstage am Anfang auch nicht so schwer“, sagt Seminarleiterin Ursula Schwill. Damit spricht die selbstständige Trainerin und Beraterin auch die Kehrseite der beruflichen Freiheit an: Gerade junge Existenzgründer schieben oft Überstunden im Büro und leben mit der Gefahr, am Ende des Monats die Miete nicht zusammenzubekommen. Deshalb rät die Diplom-Kauffrau: „Wem die berufliche Unsicherheit den Schlaf raubt, sollte lieber die Finger davon lassen.“

Schlaflose Nächte hat auch Stephan Bayer. „Wenn man ein Unternehmen gründet, arbeitet man freiwillig viel mehr, als wenn man angestellt ist. Diese Selbstausbeutung funktioniert aber nur, weil die eigene Firma wie ein eigenes Baby ist“, sagt er. Seit knapp anderthalb Jahren tüftelt der 25-Jährige an seiner Selbstständigkeit und hat kaum noch Zeit für sein Doppelstudium der Sozialwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre. Gemeinsam mit zwei Medieninformatikern, die ihr Studium bereits abgeschlossen haben, hat er die Sofatutor GmbH gegründet. Das Geschäftsmodell war im Hörsaal entstanden.

„In den BWL-Vorlesungen kommt man beim Mitschreiben kaum hinterher. Da habe ich mir oft gewünscht, ich könnte auf Stopp drücken, zurückspulen und mir die Stelle noch einmal anschauen“, erzählt Bayer. Aus dieser praktischen Überlegung entstand später das Konzept für die Online-Plattform sofatutor.de. Hier sollen Eltern, Nachhilfelehrer und andere Didakten ab Januar 2009 in kurzen Videoclips Lehrstoff für Schüler und Studenten erklären. Außerdem haben die Sofatutoren ein paar technische Kniffe eingebaut: Nutzer können die Videos bearbeiten, indem sie ihre Anmerkungen und Korrekturen in eine Art Sprechblase auf das Bild schreiben. Für Nutzer wird das Angebot kostenpflichtig sein, die Videoautoren bekommen ein Honorar, dessen Höhe von der Anzahl der Aufrufe abhängt.

Die nötige finanzielle Unterstützung für den Start bekamen die Sofatutoren über das EXIST-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums, mit dem Gründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen gefördert werden. Wer ein überzeugendes Ideenpapier einreicht, erhält unter anderem einen Zuschuss zum Lebensunterhalt von 800 bis 2500 Euro im Monat und Räume an der Universität gestellt. Danach hat man ein ganzes Jahr lang Zeit, seinen Businessplan auszuarbeiten. Gleichzeitig sei das Stipendium auch ein gutes Argument gegenüber privaten Investoren gewesen: „Wenn man einmal jemanden von seiner Idee überzeugt hat, ist es auch leichter, weitere Geldgeber zu gewinnen", so Bayer.

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