Der Tagesspiegel : Aus dem Kahn – in den Kahn

Die Spree ist als Wasserstraße in der Hauptstadt des Bauens unentbehrlich

Gerd Conradt

„Berlin ist aus dem Kahn gebaut.“ so hieß es vor über hundert Jahren. Der Spree kam im letzten Jahrhundert entscheidende Bedeutung für die Entwicklung Berlins zur Metropole zu. Per Schiff kam aus dem schlesischen Industrierevier alles, was für den Ausbau der Großstadt benötigt wurde: Sand, Steine, Holz, Kohle... 100 Jahre später findet dieser Satz seine Umkehrung: Seit vier Wochen wird in der historischen Mitte die Geschichte der Weltstadt neu geschrieben: „Berlin wird in den Kahn rückgebaut.“

29 000 Tonnen Stahl, 83 300 Tonnen Betonbruch, 300 Tonnen Glas sollen bis Ostern 2007 per Kahn aus der Stadt geschafft worden sein. Damit die im Grundwasser der Spree schwimmende 180 Meter lange und 120 Meter breite Betonwanne nicht nach oben gedrückt wird, wenn die gigantische Beton-Stahlkonstruktion des Hauses verschwindet, wird sie mit 100 000 Tonnen Sand aufgefüllt. Zusätzlich werden 205 000 Tonnen Oberboden für die Zwischenbegrünung benötigt. Während 113 600 Tonnen Palast der Republik aus der Stadt geschafft werden, kommen 305 000 Tonnen Sand und Erde in die Stadt hinein.

Am „Welttag des Wassers“, der in diesem Jahr unter dem Motto „Wasser und Kultur“ steht, interessiert mich als Spreeforscher, wie diese Materialmassen logistisch auf dem Fluss bewegt werden sollen. Woher kommt der Sand und wohin wird der Palast transportiert? Wie viele Schiffe sind notwendig, um die vorläufige Neugestaltung von Berlins historischer Mitte zu bewältigen?

Diplom-Ingenieur Hartmut Kalleja hat nicht nur den Abriss im Auftrag des Senats geplant, sondern überwacht auch dessen Ablauf. In seinen Händen hält er eine Studie, die minutiös Auskunft darüber gibt, wann wie viele Schiffe nach Berlin kommen und die Stadt wieder verlassen werden.

Was für ein Glück, dass der Palast an der Spree errichtet worden ist: Stünde er nicht an dieser Wasserstraße, wären 13 710 LKWs notwendig, um die Abbruchmasse aus der Stadt zu schaffen – ein aus verkehrsplanerischer Sicht möglicherweise nicht durchführbares Unternehmen. Jetzt sieht die Planung 286 Schiffe vom Typ „Dortmund-Ems-Kanal“ mit einer Ladekapazität von 1000 Tonnen vor, die den „selektiven Rückbau“ abwickeln sollen. Über jede Schiffsladung, die in die Stadt kommt und die Stadt verlässt, wird Buch geführt.

Noch ist die Leitstelle, die den reibungslosen Schiffsverkehr für den „Rück-Bau Berlins in den Kahn“ garantieren soll, nicht eingerichtet. Auch das unerwartet lang anhaltende Winterwetter hat die Abrissarbeiten bereits in der Anfangsphase verlangsamt.

Der Sand, so Hartmut Kalleja, der in die Palastwanne eingeschwemmt wird, hat die Güteklasse ZO, der sauberste Sand, den es gibt. Er stammt von Wasserbaustellen aus der Umgebung Berlins, aus Spree und Havel. Hartmut Kallejas Information nach werden die Schiffe in allen Richtungen unterwegs sein.

Auf welche Deponien die Palastreste verbracht werden, ist ihm derzeit nicht bekannt: „Vermutlich nach Ketzin oder zum Hafen Königs Wusterhausen.“ Den besten Preis für den im Palast verbauten Stahl erzielt man, wenn die Stahlträger in Abschnitte von 180 cm Länge zerschnitten werden - die passende Größe für den Schmelzofen.

Der Autor ist Filmemacher und hat ein Buch über die Spree geschrieben: An der Spree – Der Fluss. Die Menschen. (Transit-Verlag, 19,80 Euro). Daraus liest er am 29. März im Kino Bali um 20.30 Uhr.

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