Der Tagesspiegel : Aus der Not das Beste machen

Neue Landkarten für die Lausitz taugen meist nicht lange. Denn unlängst noch befahrene Straßen und Wege verschwinden in den Löffeln riesiger Braunkohlebagger, hinter dem Berg speist die Spree plötzlich einen neuen See und schließlich verändern ganze Ortschaften ihren Standort. Geisendorf ist vor einigen Tagen komplett umgezogen. Die 42 Einwohner mussten ihre Heimat für einen Tagebau opfern, an dem einige Tausend Arbeitsplätze hängen sollen. Die Geisendorfer wohnen jetzt in Neupetershain. Seit 1920 sind rund 25 000 Lausitzer im Interesse der Kohle umgesiedelt worden, die wenigsten gingen freiwillig.

In Kürze wird wohl auch das Dorf Horno von der Landkarte getilgt. Die 310-Seelen-Gemeinde am Grenzfluss Neiße kämpfte 24 Jahre an allen nur denkbaren Fronten gegen die drohende Abbaggerung und verlor. Selbst die großen Hoffnungen auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurden enttäuscht. Die Richter beriefen sich auf die Unterlagen der deutschen Regierung, die keinerlei Bedrohung für das sorbische Siedlungsgebiet sah. Schließlich entstehe Horno wieder neu - als Ortsteil im 12 Kilometer entfernten Forst.

Dennoch erstaunt, mit wie viel Erfindergeist sich die Einwohner gegen das von oben bestimmte Schicksal wehren. Mit dem Besuch von zwei schwedischen Parlamentsabgeordneten machen sie wieder einmal auf ihre Not aufmerksam und greifen erneut zu einem Strohhalm. Allerdings ist der Ortsbeirat längst nicht mehr so blauäugig wie vor sechs oder sieben Jahren, als Politiker aller Farben den Hornoern Mut zusprachen. Davon blieb am Ende meist nicht viel übrig. Auch die beiden Schweden werden wohl mit ihrem Appell an das "Umweltgewissen" des Staatskonzerns Vattenfall, dem über mehrere Ecken das Lausitzer Braunkohleunternehmen gehört, nicht viel ausrichten können. Die Parteien, denen die beiden Abgeordneten angehören, besitzen zu wenig Gewicht im schwedischen Parlament.

So ist Horno gut beraten, sich auf den spätestens am Ende nächsten Jahres beginnenden Umzug vorzubereiten. Nur so können die Einwohner einen Bau des neuen Wohnviertels nach ihren Vorstellungen durchsetzen. Neu-Horno sollte tatsächlich der alten Heimat gleichen. Sonst bleiben als Erinnerung nur noch alte Landkarten.

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