Der Tagesspiegel : Aus für "Truppenübungsplatz" durch Schere und Klebestreifen

Mit Schere und Klebeband durchstreifen derzeit Bundeswehrsoldaten die Einöde zwischen Wittstock, Rheinsberg und Neuruppin. Alle 50 bis 60 Meter machen sie Halt und schreiten zur Tat. Mit inzwischen geübten Handgriffen schneiden die Kameraden etwa 40 Zentimeter lange Klebestreifen ab und pappen sie auf Schilder, die dort vor einigen Jahren aufgestellt worden waren. Damit verschwinden zwei Zeilen: "Grenze des Truppenübungsplatzes - Schieß- und Übungsbetrieb". Übrig bleiben: "Militärischer Sicherheitsbereich. Blindgänger! Lebensgefahr! Unbefugtes Betreten des Platzes ist verboten und wird strafrechtlich verfolgt. Der Kommandant." Weit sind die Klebetrupps noch nicht gekommen. Schätzungsweise 560 Schilder müssen sie rund um das 14 000 Hektar große Areal verändern. Auf vielen Kilometern stand kürzlich noch die ursprüngliche Beschriftung. Oft wurde nur eine Seite der Schilder beklebt, was erst recht merkwürdig wirkt.

Freiwillig hat sich die Bundeswehr nicht zu diesem Klebedienst entschlossen. Sie beugte sich notgedrungen einem Urteil des Brandenburger Oberverwaltungsgerichts. Kurz vor dem Jahreswechsel hatte es dem Antrag mehrerer Anrainergemeinden entsprochen, das Areal der Kyritz-Ruppiner Heide sei nicht länger als "Truppenübungsplatz" zu bezeichnen. Bei Zuwiderhandlung drohte ein empfindliches Zwangsgeld.

Seit nunmehr acht Jahren ist die Zukunft der Heide heftig umstritten. Während die Bundeswehr das Gebiet als Bombenabwurf- und Tiefflugübungsgelände (wie bis 1993 die russische Armee) nutzen will, kämpft die Bürgerinitiative "Freie Heide" für eine touristische Entwicklung. Das Bundesverwaltungsgericht entschied Ende 2000 zugunsten der Bürgerbewegung, der zahlreiche Kommunen, Kirchengemeinden und Einzelpersonen angehören. Erst müsse die Bundeswehr ein förmliches Planungsverfahren abhalten, um Für und Wider eines Übungsplatzes abwägen zu können. So urteilte die oberste Instanz.

"Für uns sind beide Gerichtsurteile natürlich ein großer Erfolg", sagt der Chef der Bürgerinitiative und Bürgermeister des Dorfes Schweinrich, Helmut Schönberg. "Mit den Schildern haben wir nun endlich auch ein sichtbares Ergebnis."

Vielen Einwohnern wäre es sogar lieber gewesen, die Bundeswehr hätte alle Schrifttafeln eingesammelt. Doch dann hätten andere Warnschilder aufgestellt werden müssen. Denn nachweislich sind große Teile dieses von den sowjetischen und später russischen Streitkräften als "Bombodrom" getauften Geländes mit Blindgängern und Munition belastet. Tiefe Krater, in denen ganze Häuser verschwinden würden, zeugen von der massiven Sprengkraft der abgeworfenen "Übungsbomben". Vor einer Beräumung wäre ein Betreten jedenfalls lebensgefährlich, wenngleich ohne strafrechtliche Konsequenzen.

Die Bundeswehr hält trotz dieses neuerlichen juristischen Rüffels am Truppenübungsplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide fest. Solange Jagdflieger zum Bestand gehörten, müssten sie ausgebildet werden, lautet die immer wieder von Offizieren zu hörende Begründung. Niemand könne schließlich wissen, ob die Flugzeuge schon in kürzester Zeit zu einem Einsatz in einem Krisengebiet gerufen würden. Deshalb brauche die Bundeswehr solche Übungsplätze für ihre Tornados.

Die Klebeaktion auf den Schildern stößt in der Umgebung des Geländes nicht nur auf Zuspruch. Die Initiative "pro Bundeswehr" sieht die Chancen auf eine Garnison in Wittstock nicht gerade verbessert. Die Bundeswehr versprach die Stationierung von immerhin 800 Soldaten. "Das würde Arbeitsplätze schaffen und Aufträge für unseren Mittelstand bringen", sagt der gerade wiedergewählte Bürgermeister Lutz Scheidemann (FDP).

Vorerst empfängt den Besucher der Gegend zwischen Wittstock, Rheinsberg und Neuruppin eine Kuriosität. Denn auf den Schildern rund um das frühere "Bombodrom" ist die Rede von einem "Kommandanten". Doch der besitzt im Augenblick weder eine Garnison noch einen Truppenübungsplatz.

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