Der Tagesspiegel : Aus Versehen falschen Häftling entlassen

Sandra Dassler

Davon träumten unzählige Verbrecher hinter Gittern zu allen Zeiten: aus Versehen entlassen zu werden. Für den 27-jährigen Sven A. wurde das Unglaubliche wahr. Am Dienstag dieser Woche durfte er dem Gefängnis in Spremberg den Rücken kehren, wurde "ordnungsgemäß" verabschiedet, weil ihn die Justizbeamten mit einem anderen Häftling verwechselten, der denselben Nachnamen trägt.

Was auf den ersten Blick wie ein Stück aus dem Tollhaus anmutet, bescherte Brandenburgs Justizminister Kurt Schelter (CDU) pünktlich zum Nikolaustag den nächsten Skandal. Denn eigentlich hätte der wegen Diebstahls und Bedrohung verurteilte Sven A. noch bis zum April 2003 einsitzen müssen. Entlassen werden sollte eigentlich der Häftling Mathias A., der ins Gefängnis musste, weil er eine ihm wegen Trunkenheit am Steuer auferlegte Geldstrafe zunächst nicht bezahlt hatte.

Der (Nach-)Namensvetter Sven A. fragte - natürlich - nicht lange nach, warum man ihn plötzlich so schnell los sein wollte. Ob er den falschen Vornamen auf den Entlassungspapieren bemerkte oder nicht - er schnürte sein Ränzlein und verschwand. Erst am Mittwoch bei der morgendlichen "Bestandsaufnahme" wurde die Verwechslung bemerkt. Seither fahndet die Polizei auf Hochtouren nach dem irrtümlich Entlassenen - bislang vergeblich.

Das brandenburgische Justizministerium beeilte sich gestern, zu verkünden, dass von dem Mann keine Gefahr für die Bevölkerung ausgehe. Ministeriumssprecher Ulrich Herrmann sagte gegenüber dem Tagesspiegel: "Wir müssen nun klären, wie es zu der Verwechslung kommen konnte, ob mehrere Beamte daran beteiligt waren oder nur einer. Welche Konsequenzen den Schuldigen drohen, steht noch nicht fest." Keine Konsequenzen muss nach Aussage von Herrmann hingegen der irrtümlich entlassene Sven A. befürchten, der in Südbrandenburg vermutet wird. Wenn er während seines sozusagen geschenkten Freigangs keine weiteren Straftaten begeht, wird seine Haftzeit nicht verlängert. Derweil lachen nicht nur viele Strafgefangene in Brandenburg über den Vorfall, auch in der Bevölkerung kursieren wieder die alten Witze über den pleitenträchtigen Brandenburger Strafvollzug.

Inzwischen hat nun übrigens auch Mathias A. das Spremberger Gefängnis verlassen dürfen. Mit den richtigen Papieren, wie man im Potsdamer Justizministerium gestern ungefragt versicherte.

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