Der Tagesspiegel : Ausgeleiert

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Thorsten Metzner über den Potsdamer Wahlkampf, der eigentlich keiner war

ANGEMARKT

Es mutet paradox an: Potsdam wird im Schatten der Bundestagswahl am 22. September einen Nachfolger für Matthias Platzeck im Rathaus wählen. Gesucht wird ein neuer Oberbürgermeister, der immerhin in den nächsten acht Jahren die Geschicke der einstigen Preußenresidenz lenken soll. Einer Stadt, die zu den schönsten Deutschlands zählt. Potsdam hat die Wahl, wie der Aufbruch fortgesetzt wird. Aber warum ist keine Wahlkampf-Atmosphäre, keine Spannung zu spüren? Die Antwort ist einfach: Die Machtverhältnisse in Brandenburgs Hauptstadt sind so, dass jähe Wendungen, Überraschungen ausgeschlossen sind. Selbst PDS-Strategen wissen ganz genau, dass Potsdams nächster Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) heißen wird. Er mag nicht der große Wurf sein, lange nicht an Platzecks Aura heranreichen. Es ändert nichts daran: PDS-Herausforderer Hans-Jürgen Scharfenberg kann Jakobs allenfalls noch in die Stichwahl zwingen, diese aber nicht gewinnen.

Schon lange vorbei sind die Zeiten, als die PDS in Potsdam stärkste Partei war und die SPD in Angst und Schrecken versetzte, als der damalige PDS-Kandidat Rolf Kutzmutz im ersten Wahlgang beinahe Oberbürgermeister wurde. Fehlt deshalb Scharfenbergs Wahlkampf jeglicher Biss? Schont er Jakobs, weil er unter dem SPD-Stadtoberhaupt Sozialbeigeordneter werden will, ein rot-rotes Bündnis anpeilt? Warum sonst, die Genossen wollen endlich mitregieren. So mag bei dieser Potsdam-Wahl allenfalls noch spannend sein, wie diesmal die Union – bislang mit rund zehn Prozent eher eine Randpartei – zulegen kann. Denn dass die CDU von den vielen Zuzüglern profitiert, kann als sicher gelten.

Ein erstes Indiz, dass sich das politische Gefüge langfristig verändert, dass Potsdam bürgerlicher wird? Es ist Alltag eingekehrt in der Stadtpolitik. Die großen Schlachten um Bausünden im Weltkulturerbe sind längst geschlagen, das monströse Potsdam-Center steht wie eine Betonburg. Eine Baufilz-Affäre, die einst zum Sturz der Stadtregierung und zum Potsdam-Rettungseinsatz Platzecks führte, ist nicht in Sicht. Und wo es nur noch um Achtungserfolge geht, absolvieren die OB-Kandidaten eben ihr Pflichtprogramm. Es sind bekannte n, bekannte Gesichter, keine außergewöhnlichen Persönlichkeiten à la Matthias Platzeck im Ring. Auch die Unterschiede ihrer Positionen sind gering. Jeder ist fürs neue Theater, für das Kaufhaus in der Fußgängerzone, ja sogar fürs Landtagsschloss – Botschaften fehlen. „Ich bin da", verkündet etwa CDU-Kandidat Niekisch von den Plakaten.

Und die eigentlichen Fragen, die ungelösten Probleme dieser Stadt, werden verschwiegen oder beschönigt: Dass Potsdam fast pleite ist, aber weiter ungerührt über seine Verhältnisse lebt. Dass die Bürokratie im Rathaus ausufert und ausufert, dass auch Platzeck den wiehernden Amtsschimmel nicht zügeln konnte. Kurzum, dieser Wahlkampf in Brandenburgs Hauptstadt hätte auch ausfallen können. Aber zumindest kann man schon jetzt eins sicher prophezeien: Potsdam wird nach der Ära Platzeck wieder provinzieller.

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