Der Tagesspiegel : Ausharren am Abgrund im letzten Haus von Horno

Ihr Dorf ist längst abgebaggert, aber Ursula und Werner Domain bleiben da Sie leben zwischen Dreck und Lärm – und hoffen jetzt auf ein Gerichtsurteil

Sandra Dassler

Horno – Wahrscheinlich hat er diese Sturheit von seinem Großvater Friedrich. Der ist auch nicht weggegangen, damals im Frühjahr ’45, als fast alle Hornoer aus Angst vor den Russen flüchteten. „Er hatte ein Holzbein, war schon ziemlich alt und konnte sich nicht von seinem Haus trennen", erzählt Werner Domain. Der 70-jährige Hugenotten-Nachfahre sitzt in seinem Wohnzimmer, in dem auch ein in die Jahre gekommenes Klavier steht. Manchmal spielt er ein paar Takte – das übertönt den Lärm vom Braunkohletagebau, der sich bis auf 70 Meter an das Haus heran gefressen hat, in dem er mit seiner Frau Ursula wohnt.

Die Domains sind die letzten Einwohner des Dorfes, das einmal 320 Menschenzählte. Die meisten von ihnen haben Jahrzehnte lang gegen die Abbaggerung gekämpft – und mussten am Ende umziehen. Die meisten von ihnen leben jetzt wenige Kilometer entfernt im neuen Horno. Die Domains sind geblieben. Haben sich geweigert, das ehemalige Gasthaus von Horno, das Großvater Friedrich gebaut hatte, zu verkaufen. Und klagen immer noch gegen ihre Umsiedlung. Der Energiekonzern Vattenfall, der Tagebau und Kraftwerk Jänschwalde betreibt, musste den Bagger am vergangenen Donnerstag stoppen, um einen Sicherheitsabstand zum Haus der Domains einzuhalten. Am 2. November soll das Oberverwaltungsgericht über die Klage des Ehepaares entscheiden – bis dahin steht der Betrieb still.

Es mutet skurril an, wie sich das Gehöft vor der riesigen Grube erhebt, in der die anderen Häuser längst verschwunden sind. Wie kann man hier leben? Ohne Nachbarn, ohne Straßen? „Wir haben alles, was wir brauchen“, sagen die beiden Rentner. An den Lärm und Staub der Bagger hätten sie sich längst gewöhnt. Im großen Garten nebenan wächst Gemüse, die letzten reifen Äpfel fallen gerade von den Bäumen, eine Katze tobt durchs Kartoffelfeld, Vögel zwitschern. „Ich brauche kein neues Haus und auch kein Geld als Entschädigung", sagt Werner Domain. „Hier ist meine Heimat, hier kenne ich jeden Strauch und Baum.“ Zumal sich die Älterenim neuen Dorf nicht wohlfühlen, meint er. Die meisten hätten dem Drängen ihrer Kinder nachgegeben. Die Domains haben keine Kinder. Aber allein sind sie nicht.

Ein Wohncontainer vor dem alten Gasthof beherbergt junge Wachleute, die mit Hunden patrouillieren. Das Betreten des Tagebaugeländes ist gefährlich und verboten. Die Wachleute lassen keine Schaulustigen durch, sondern nur jene, die sagen, dass sie zu den Domains wollen: die Postfrau, den Zeitungsboten und Freunde. „Es gibt viele, die uns unterstützen“, sagt Ursula Domain. Gerade hat sie einen Kuchen gebacken, weil junge Leute zu Besuch kommen, die für den Erhalt der Lacomaer Teiche kämpfen, die dem Tagebau Cottbus-Nord weichen sollen.

Dass er ein Querulant sei, wie manche behaupten, will Domain nicht gelten lassen. „Wenn man sich im Recht fühlt, muss man auch kämpfen“, sagt er. Zumal, wenn „unter Horno nur wenig Kohle liegt, die dazu noch schlechte Qualität hat. Dass dafür ein ganzes Dorf verschwinden muss, mit all’ der Natur, das ist nicht nur Unrecht, sondern der blanke Wahnsinn“. Der Einwand, dass sie mit ihrer Hartnäckigkeit Arbeitsplätze gefährdeten, macht den Domains hingegen sichtlich zu schaffen. Auf dem Markplatz von Forst sind sie schon angepöbelt worden. „Wie können die Leute nur auf solche plumpe Polemik hereinfallen?“ fragt Ursula Domain. „Es werden doch überall Arbeitsplätze vernichtet, obwohl es da kein altes Ehepaar gibt.“ Ihr Mann hat inzwischen einen neuen Vorschlag unterbreitet: Vattenfall solle sein Haus umfahren und auf dem verschonten Streifen Windräder errichten. Das schaffe Arbeitsplätze und sei umweltfreundlich. Für die Windräder würde er sogar umsiedeln, sagt Domain und widerspricht damit ein wenig seiner Argumentation von der verlorenen Heimat.

Ein kleines Haus, wo er im Fall der Fälle leben könne, hat er längst. „Ich würde aber lieber bleiben und aus dem Haus hier eine Gedenkstätte für Horno machen“, sagt er. Sein Großvater habe den Einmarsch der Russen vor 60 Jahren schließlich auch überlebt. Und vielleicht entscheiden die Richter am 2. November doch anders als die Vorinstanzen. Dann würde Werner Domain rund um sein Haus Ahornbäumchen pflanzen. Und falls er verliert, will er weiterklagen.

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