Außenbordeinsatz : Schlegel wieder wohlbehalten in der ISS

Sechs Stunden und 45 Minuten dauert der Außenbordeinsatz des deutschen Astronauten Hans Schlegel, dann ist der neue Stickstofftank an der ISS angebracht. Der Tank ist so groß wie ein Familienkühlschrank und muss 70 Meter frei schwebend durchs All transportiert werden.

Volker Petzsch-Kunze[ddp]
Schlegel im All
Der deutsche Astronaut Hans Schlegel steigt wieder ein. -Foto: dpa

OberpfaffenhofenUm 15:27 Uhr öffnet sich in rund 336 Kilometern Höhe über der Erde die Luke der Außenbordschleuse der Internationalen Raumstation ISS. Im Kontrollzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen vor den Toren Münchens herrscht Hochspannung. Auf vier großen Bildschirmen verfolgen die Techniker und Ingenieure am Mittwoch den "Weltraumspaziergang".

Ende 2006 war der Astronaut Thomas Reiter dran. 171 Tage verbrachte er im All, auch er hatte einen Außeneinsatz. Der 56-jährige Hans Schlegel machte sich in einen amerikanischen Raumanzug daran, das Raumstation zu verlassen. Sie versorgt den Aachener für die folgenden Stunden mit lebenswichtigem Sauerstoff und schützt vor der tödlichen Kälte des Weltalls.

Ein gutes Gefühl und eine tolle Aussicht

"Er ist der letzte Mensch auf dem Weg zwischen Erde und Mond", schwärmt der Missionsdirektor der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA), Reinhold Ewald. Der 56-Jährige war 1997 selbst an Bord der russischen Raumstation MIR und kennt die ungeheuren Belastungen für die Astronauten bei solchen Außeneinsätzen. Man kann sich die Arbeit an der verzweigten Konstruktion zwischen der ISS und dem amerikanischen Spaceshuttle "Atlantis" wie bei einem Hochleistungssportler vorstellen. "Aber man wird belohnt mit dem guten Gefühl, dass die Arbeit erledigt ist, und natürlich mit einer grandiosen Aussicht", sagt Reinhold.

Kurz vor 16 Uhr machte Shuttle-Pilot Alan Poindexter Schlegel aufmerksam: "In fünf Minuten fliegen wir genau über Köln und Aachen hinweg." Schlegel, der in Aachen gelebt hatte, antwortete nach DLR- Angaben: "Danke, ich werde hinschauen." Viel Zeit für den ergreifenden Blick auf die Erde blieb ihm nicht. Denn bei extremer körperlicher Anstrengung ist jeder Handgriff auf die Minute geplant. "Ein Weltraumspaziergang ist kein Spaziergang", sagt der Chef des Deutschen Raumfahrtkontrollzentrums in Oberpfaffenhofen bei München, Klaus Wittmann.

Schlegel und sein US-Kollege Rex Walheim sind am vergangenen Donnerstag mit der "Atlantis" zur ISS gestartet, mit im Gepäck das 880 Millionen Euro teure europäische Weltraumlabor "Columbus". Bei ihrem Außeneinsatz ersetzten sie einen leeren Stickstofftank an der Raumstation durch einen neuen. "Der Tank hat ungefähr die Größe eines mittleren Familienkühlschranks und würde auf der Erde etwa 100 Kilo wiegen", sagt "Columbus"-Missionsdirektor Roland Lüttgens. Dafür mussten die beiden Astronauten den Tank aus der Ladebucht des Shuttles holen und ihn fast 70 Meter weiter an seine endgültige Position bringen. "Und natürlich muss der alte Tank auch wieder zurück", sagt Lüttgens.

Sechs Stunden und 45 Minuten hat der gefährliche Einsatz gedauert. Alles lief nach Plan. "Ich bin zufrieden", sagte Schlegel über Funk, nachdem er wieder in der ISS war. "Während ihrer Arbeit waren Schlegel und Walheim ständig mit zwei Seilen gesichert und werden von Oberpfaffenhofen aus und über die ISS überwacht", erklärt der Missionsdirektor. Angst musste der 56-jährige Physiker also nicht haben. "Herr Schlegel ist vielleicht aufgeregt, aber in erster Linie konzentriert", versichert Lüttgens.

Noch vor ein paar Tagen war der erste Außeneinsatz für den Deutschen aufgrund gesundheitlicher Probleme geplatzt. "Er hat mit seinem Verzicht auf den Ausstieg eine extrem professionelle Haltung bewiesen", sagt ESA-Missionsdirektor Ewald anerkennend. Nun aber schwebte Schlegel endlich frei im Weltall und tastete sich zum Laderaum des Space Shuttles vor. Unterstützt wurde er dabei von knapp 80 Mitarbeitern, die sich in drei Schichten rund um die Uhr von Oberbayern aus um die Astronauten und ihr Raumschiff kümmern.

Familienkonferenz nach dem Einsatz

Auch für Privates bleibt bei der "Columbus"-Mission ein wenig Zeit. So wird Schlegel nach dem Abschluss seines Weltraumspaziergangs seiner Frau und seinen sieben Kindern alles direkt bei einer "Familienkonferenz" erzählen. Per Internet wird der 56-Jährige dabei direkt ins Wohnzimmer seiner Familie geschaltet. Darüber hinaus gibt es als Belohnung das "Äquivalent einer Dusche" und eine warme Mahlzeit. Da man auf der ISS immer die Wahl zwischen amerikanischen und russischen Essensrationen, ist sogar für Vielfalt gesorgt. "Ich weiß aber, dass Schlegel ein Freund russischer Hausmannskost ist", verrät Ex-Astronaut Ewald.