Der Tagesspiegel : Aussiedler tot geschlagen: Ankläger fordert hohe Haftstrafen

Mutmaßlicher Haupttäter soll zwölf Jahre hinter Gitter /Mit Faust und Stein traktiert

Frank Jansen

Neuruppin. Im Prozess zum gewaltsamen Tod des Aussiedlers Kajrat B. hat Staatsanwalt Kai Clement harte Strafen gefordert. Der mutmaßliche Haupttäter, Patrick Sch., solle wegen Totschlags, versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zwölf Jahre Haft erhalten, sagte der Ankläger gestern in seinem Plädoyer vor dem Landgericht Neuruppin. Für Ralf A. beantragte Clement neun Jahre Haft, für Marko F. acht Jahre und im Fall von Mike Sch., der während der Tat schwer betrunken war, vier Jahre. Nur der fünfte Angeklagte, Michael H., soll mit anderthalb Jahren auf Bewährung davonkommen. Er hatte einem Begleiter Kajrats, dem Aussiedler Maxim K., einen Faustschlag versetzt. Die jungen Männer nahmen das Plädoyer weitgehend regungslos auf. Kajrats B. Mutter weinte.

Die Clique hatte, wie berichtet, den 24-Jährigen und seinen drei Jahre jüngeren Begleiter in der Nacht zum 4. Mai 2002 vor einem Lokal in Wittstock attackiert. Den Opfern wurden unzählige Schläge und Tritte versetzt. Ein Angreifer, vermutlich Patrick Sch. (23), warf einen fast 18 Kilo schweren Feldstein auf Kajrat B. Der Aussiedler starb knapp drei Wochen später im Krankenhaus Pritzwalk. Der Begleiter überlebte die Tatnacht schwer verletzt. Nach Ansicht des Staatsanwalts lässt sich den Angeklagten trotz einiger Indizien kein fremdenfeindliches Motiv nachweisen. Es habe die alkoholisierte Clique „einfach genervt“, dass die Aussiedler nach dem Ende der Techno-Disko in dem Tanzlokal mehrmals um Zigaretten baten, sagte Clement. „Dies war keineswegs geeignet, einen tätlichen Angriff zu rechtfertigen“, betonte der Staatsanwalt. Er wies Aussagen von Angeklagten und deren Freunden zurück, die Aussiedler hätten die Auseinandersetzung provoziert. Vielmehr hätten die Angeklagten „stillschweigend den Entschluss gefasst“, die Aussiedler zu misshandeln. Patrick Sch., Marko F. (22) und Mike Sch. (20) hätten dann Maxim K. geschlagen und getreten, sagte Clement. Der Angeklagte Ralf A. habe auf Kajrat B. mit beiden Fäusten eingeprügelt. Anschließend habe Patrick Sch. den in der Nähe liegenden Feldstein geholt und ihn auf den Aussiedler fallen gelassen. Kurz darauf habe Sch. den Brocken auch nach dessen Begleiter geworfen. Der Stein traf den schon reglos am Boden Liegenden an der rechten Hüfte.

Ursprünglich hielt die Staatsanwaltschaft Marko F. für den Steinewerfer. Doch letzte Woche belastete F. plötzlich Patrick Sch. Er habe ihm den Wurf des Steins gestanden, sagte F. Mehrere Zeugen aus dem Umfeld der Clique hatten versucht, mit Erinnerungslücken und dubiosen Angaben Sch. zu schützen. Inzwischen sind 14 Ermittlungsverfahren anhängig, vor allem wegen des Verdachts der Falschaussage. „Die Mauer des Schweigens war sehr eng“, sagte Clement.

Die Anwältinnen der Angehörigen der Opfer bewerten die Tat als Mord, begangen aus Fremdenhass. Bereits während der Tanzveranstaltung in dem Wittstocker Lokal sei verabredet worden, die „Russen“ anzugreifen. Außerdem habe ein Angeklagter bei der Tat „Scheißrussen“ gerufen, sagte Anwältin Undine Weyers. Sie zitierte auch einen älteren Zeugen, der den Angeklagten Ralf A. auf Kajrat B. sitzen sah und den Satzfetzen vernahm, „ihr seid diejenigen, die in unserem Land…“ Am heutigen Dienstag wollen die Verteidiger plädieren.

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