Der Tagesspiegel : Aussteiger aus dem Paradies

Tropical Islands: Der Chef ist weg, und viele Mitarbeiter fürchten um ihre Arbeitsplätze

Claus-Dieter Steyer

Brand - „Tropical Islands“ sollte sein erfolgreichstes Projekt werden. In der größten freitragenden Halle der Welt, in der vor drei Jahren der Traum vom Luftschiffbau geplatzt war, wollte der Multimillionär Colin Au ein Tropenparadies bauen. In kaum neun Monaten ließ der Mann aus Malaysia zwei große Badebecken mit Strand, einen „tropischen Regenwald“ und eine Showbühne errichten. „Menschen, die in ihrem Leben nie die Tropen sehen können, sollen sich hier erholen können“, sagte er zur Eröffnung am 19. Dezember vergangenen Jahres.

Inzwischen aber ist er schon einige Wochen nicht mehr in der Halle gesehen worden. Nun ist es offiziell: Colin Au hat nicht nur den Chefposten, sondern das ganze Unternehmen „Tropical Islands“ verlassen. Über die Hintergründe kann nur spekuliert werden. „Colin Au ist im besten Sinne des Wortes ein Projektentwickler“, sagt der jetzige Interims-Geschäftsführer Joachim Hagemann, der den Malaysier seinerzeit auf die nach der Cargolifter-Pleite leer stehende Halle aufmerksam gemacht hatte. Gerüchten zufolge arbeitet Au bereits an einem Freizeitpark in Amerika. Der Wechsel würde zu seinem bisherigen Lebenslauf passen. Der an der Universität Birmingham ausgebildete Chemie-Ingenieur baute und leitete Ferienparks in Malaysia, in Australien und in den USA und rief die Kreuzfahrtlinie „Star Cruises“ ins Leben. An dem 70 Millionen Euro teuren Bau von „Tropical Islands“ beteiligte sich Colin Au mit seinem Privatvermögen und übernahm 25 Prozent des Unternehmens. Diesen Anteil will er auch behalten. Der Rest gehört dem malaysisch-britischen Konzern Tanjong, der sein Geld unter anderem mit Kraftwerken, Casinos und Pferdewetten verdient.

Durch die Halle lief der Mann von kleiner Gestalt stets lächelnd. Er packte beim Abräumen der Restauranttische mit zu, kontrollierte die Sauberkeit der Toiletten und hielt seine Angestellten beharrlich zur Freundlichkeit gegenüber den Gästen an. Nie äußerte er offen Zweifel an seinem Projekt, selbst als die prognostizierte Besucherzahl von täglich 4000 nicht erreicht wurde. Genaue Angaben über den Ticketverkauf werden längst nicht mehr veröffentlicht. Je nach Saison, Wetter und Wochentag seien pro Tag zwischen 1500 und 9000 Gäste gekommen, heißt es nur. Geplant waren 1,5 Millionen im Jahr. Wie viele Besucher es bisher insgesamt gab, wird nicht verraten. In der kommenden Herbst/Winter-Saison soll die Tropenhalle erstmals in den Katalogen von Reiseunternehmen stehen. Als Bestandteil von Städtetouren nach Berlin aber wird sie, anders als anfangs angekündigt, weiterhin nicht vermarktet.

Zugleich wurde aus dem Umfeld Aus bekannt, dass dieser sich sehr über mangelnde Unterstützung durch die Brandenburger Politik geärgert habe. So erhielt er bislang keine Fördermittel, obwohl die jedem anderen Tourismusunternehmen zustünden. „Wir haben mehr als 600 Arbeitsplätze geschaffen und geben Dutzenden Unternehmen in der Region Aufträge“, sagt Geschäftsführer Hagemann. „Ohne uns würde die Halle wahrscheinlich leer stehen und die Steuerzahler müssten für die Unterhaltskosten aufkommen.“ Die Hotels im 15-Kilometer-Umkreis hätten ihre Auslastung seit der Eröffnung von „Tropical Islands“ um 40 Prozent erhöht. Colin Au soll es auch leid gewesen sein, ständig zu Pleitegerüchten befragt zu werden. Allerdings lieferte das Management selbst viele Gründe für Kritik. So war es in der Halle und im Wasser anfangs viel zu kalt; wegen des fehlenden Sonnenlichts starben Hunderte tropische Pflanzen, und die Gastronomie entspricht bis heute nicht den geweckten Erwartungen.

Keine gute Stimmung herrscht derzeit in Teilen der Belegschaft. Viele Frauen und Männer befürchten, dass ihr befristeter Arbeitsvertrag nach dem ersten Jahr nicht verlängert wird. „Wir müssen auswählen“, sagt Joachim Hagemann. „Nicht jeder, den uns das Arbeitsamt schickte, eignet sich zur Servicekraft.“ Colin Au hätte am liebsten eine flexible Arbeitszeit eingeführt. Bei schlechtem Wetter kommen schließlich mehr Besucher in die Halle als an warmen Sommertagen. Entsprechend weniger Personal wird dann gebraucht. Doch alle Versuche in dieser Richtung scheiterten bislang.

Trotz des Weggangs des Chefs will der von Tanjong in die Halle beorderte Manager Gerard Nathan von Aufregung nichts wissen. „Wir suchen jetzt in aller Ruhe einen deutschen Generalmanager“, sagt er. „Tanjong war klar, dass ,Tropical Islands‘ im ersten Jahr keine schwarzen Zahlen schreibt. Wir haben aber einen langen Atem.“ Bestätigt werden Verluste von mehr als zehn Millionen Euro von der Eröffnung im Dezember bis Ende April. Neuere Zahlen gibt es nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben