Ausstellung : Baselitz' "Russenbilder" in Hamburg

Lenin, Stalin und die Propaganda: In seinen "Russenbildern" setzt sich Georg Baselitz mit seiner Jugend in der DDR auseinander. Die Hamburger Deichtorhallen widmen ihm eine Ausstellung.

Carola Große-Wilde[dpa]
Georg Baselitz
Georg Baselitz. -Foto: dpa

Hamburg"Das Charakteristikum meiner Bilder war und ist immer der Gegenstand, und der hatte oft mit meiner Biografie zu tun - Personen, Landschaften, Ereignisse", sagt der deutsche Maler Georg Baselitz, dem die ehrwürdige Royal Academy in London noch bis Anfang Dezember eine große Retrospektive widmet. Zum 70. Geburtstag des Künstlers, der auf dem Kunstkompass der bedeutendsten Künstler weltweit 2007 den siebten Platz belegt, zeigen die Hamburger Deichtorhallen von Freitag an bis zum zum 3. Februar erstmals in Deutschland die umfangreiche Serie der "Russenbilder". In den 60 Gemälden, die zwischen 1998 und 2002 entstanden sind, setzt sich der Künstler mit den Bildern des Sozialistischen Realismus in DDR-Schulbüchern auseinander, die ihn als Jugendlichen prägten.

Die großformatigen Gemälde thematisieren Lenin, Stalin und dessen Propaganda und die russisch-deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. "Ich bin mit diesen Bildern groß geworden. Deshalb habe ich sie mir vorgenommen. Ich arbeite meine Geschichte ab", sagte Baselitz. Nach der Wende habe er sich seine Stasiunterlagen angesehen und mit Erschrecken festgestellt, dass er schon als junger Mann bespitzelt worden war. "Das ist ein ziemlicher Schock und dann müssen sie sehen, wie sie damit fertig werden", sagte der 69-Jährige, der durch seine "Kopfstand-Bilder" berühmt wurde. Er habe ja noch seine Familie im Osten gehabt und deshalb "ein schlechtes Gewissen" bekommen. "Ich habe versucht, dass durch gute Bilder wettzumachen."

"Gesellschaftspolitische Unreife"

Baselitz wurde 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz geboren. In der ehemaligen DDR aufgewachsen, studierte er an der Kunstakademie in Ostberlin. Schon nach zwei Semestern wurde er wegen "gesellschaftspolitischer Unreife" von der Hochschule verwiesen. Als seine Klasse zur Besichtigung des Hafenkombinats nach Rostock fuhr, sei er nicht mitgefahren, weil er lieber mit einem Freund malen wollte. "Ich war gesellschaftlich nicht erwünscht, weil ich Picasso nachgemalt habe", erinnert er sich. Als 20-Jähriger ging Baselitz daraufhin 1958 nach Westberlin. Aber auch im Westen wollte sich der rebellische Künstler nicht anpassen und sorgte mit seinem Bild "Die große Nacht im Eimer", das einen onanierenden Jüngling zeigt, 1963 für einen Kunstskandal.

Im Gegensatz zu seinen bisherigen Arbeiten sind die "Russenbilder" eher leicht und luftig. Einige Gemälde der Serie erinnern an den Pointillismus, eine Radikalisierung des Impressionismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. So malte Baselitz das Gemälde "Lenin auf der Tribüne" von Alexander M. Gerassimow (1929), das zu den bekanntesten Bildern der Sowjetunion zählte, auf den Kopf und mit Punkten, die er mit Flaschenkorken auf die Leinwand brachte. Bei den Kriegsbildern, die Szenen des "Großen Vaterländischen Krieges" zeigen, wie der Zweite Weltkrieg auf sowjetischer Seite genannt wurde, bediente sich Baselitz einer aquarellähnlichen Technik. An Stalin (1879-1953) wagte er sich zunächst nicht heran. Erst am Schluss des Werkzyklus entschloss er sich, auch diese zentrale politische Gestalt zu malen, indem er sich an eine Zeichnung von Picasso erinnerte.