Ausstellung : Himmlers KZ-Bordelle

In den Konzentrationslagern des dritten Reiches richteten die Wächter Bordelle ein, in denen ausgesuchte Häftlinge ihre Triebe befriedigen durften. Die Prostituierten waren weibliche Häftlinge, die zu diesem erniedrigenden Dienst gezwungen wurden.

Georg Ismar[dpa]
Neuengamme Foto: dpa
Unbekanntes Kapitel. Die Zwnagsprostitution in den Kz's ist bisher nicht aufgearbeitet worden. -Foto: dpa

NeuengammeDraußen am Barackenfenster blühen die Blumen. Durch einen Wachturm gehen die Männer in den abgezäunten Sonderbereich, das Bordell misst 12 Mal 44 Meter, die blühende Pracht in den Blumenkästen soll für eine "gefällige Atmosphäre" sorgen. Im Innern gibt es einen "Kontaktraum" und "Kabinen", in denen die weiblichen Häftlinge zum Sex gezwungen werden. 65 Jahre nach der Einrichtung der ersten KZ-Bordelle ist dieser blinde Fleck in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Thema einer Sonderausstellung im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg.

"Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern" lautet der Titel der Schau, die vom 31.Oktober 2007 bis zum 18. Januar 2008 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu sehen ist. Auf einem alliierten Luftfoto vom 16. April 1945 ist das Bordell in Neuengamme genau zu erkennen: Es befand sich hinter den Krankenrevierbaracken und war von einem hohen Zaun umgeben. Die Zwangsprostituierten durften den Bereich nicht verlassen. Seit Anfang 1944 "bedienten" zwölf Frauen männliche, "arische" Häftlinge, meist aus der Rüstungsproduktion. Bis zu sechs Mal täglich wurden sie zu den entwürdigenden Akten gezwungen.

220 zwangsrekrutierte Prostituierte

Die Zwangsprostituierten waren größtenteils deutsche Frauen und wurden aus dem Frauenlager in Ravensbrück (Brandenburg) rekrutiert. Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück hat die Ausstellung federführend erarbeitet. Nach Angaben des Forschers Robert Sommer wurden etwa 220 Frauen in zehn Konzentrationslagern zur Sex-Zwangsarbeit gezwungen. Filmische Interviews mit Zeitzeugen, Fotos, NS-Dokumente und Hörstationen bringen dem Ausstellungsbesucher diese erschütternde Thematik nahe. Zu sehen sind auch Karteikarten, die die Frauen als "Bordellfrauen" ausweisen und Antragsformulare für den Bordellbesuch.

Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, gab 1943 an den Leiter des Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes, Oswald Pohl, die Direktive aus, ein Prämiensystem für ausgewählte - im NS-Jargon arische und reichsdeutsche - Häftlinge in der Rüstungsproduktion zu schaffen. Damit sollte im Zweiten Weltkrieg die Produktivität gesteigert werden. Neben zusätzlichen Zigarettenrationen und einem kleinen Lohn von 10 bis 20 Pfennigen am Tag forderte Himmler als dritte Prämienstufe, dass diesen Gefangenen auch ein Bordellbesuch ermöglicht werde.

"Die 3. Stufe muss in jedem Lager die Möglichkeit sein, dass der Mann ein oder zwei Mal in der Woche das Lager-Bordell besucht. Dieser ganze letzte Komplex ist nicht übertrieben schön, aber er ist natürlich und wenn ich diese Natürlichkeit als Antriebsmittel für höhere Leistungen habe, so finde ich, dass wir verpflichtet sind, diesen Ansporn auszunützen", schrieb Himmler am 5. März 1943 an Pohl. Zugleich wollten die Nazis mit diesem Zusatzanreiz der Verbreitung von Homosexualität in den Lagern vorbeugen. 1942 wurde das erste KZ-Bordell in Mauthausen eingerichtet, bis 1945 folgten "Sonderbaracken" unter anderem in Auschwitz, Neuengamme, Dachau, Mittelbau-Dora und Sachsenhausen.

Unaussprechliche seelische Qualen

Die wenigsten Frauen konnten nach dem Krieg über ihre körperlichen und seelischen Qualen sprechen. Mithäftlinge werteten ihre Verdingung in den KZ-Stuben zudem oft als freiwillige "Arbeit". "Frauen, die das taten, wollten durch die Zwangsprostitution ihr Leben retten", sagt hingegen die Wissenschaftlerin Christa Paul. Die 47-Jährige ist Autorin des Buches "Zwangsprostitution - Staatlich errichtete Bordelle im Nationalsozialismus".

Im Diskurs der NS-Aufarbeitung spielte das Thema bisher eine untergeordnete Rolle. "Die Betreiber von Gedenkstätten und ehemalige Häftlinge fürchteten, dass durch die Bordelle ein falsches Bild vom KZ-Alltag entstehen könnte", sagt Paul. Sexuelle Gewalt wird erst seit 2002 explizit als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen anerkannt. Das Thema der KZ-Bordelle verschwand auch deshalb jahrzehntelang hinter der Grausamkeit anderer NS-Verbrechen.