Ausstellungseröffnung : Haus der Kunst empfängt Gilbert & George

Unter dem Motto "Schlage deinen Nächsten nicht - es sei denn, er steht darauf", wird in der so genannten Großen Ausstellung im Haus der Kunst in München das künstlerische Werk von Gilbert & George aus vierzig Jahren vorgestellt.

Sabine Stang[ddp]
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Gilbert & George posieren vor einem ihrer Werke.Foto: ddp

München"Sei stets elegant gekleidet, gepflegt, entspannt, freundlich, höflich und völlig Herr der Lage", so lautet das erste Bildhauergesetz, das die beiden Künstler Gilbert & George im Jahr 1969 formulierten. Dass sie dieses Gesetz verinnerlicht haben, sieht man deutlich: Für Versicherungsvertreter oder Pensionäre, die sich zum Schachspielen im Park treffen, könnte man die älteren Herren halten, die in maßgeschneiderten Anzügen und mit ernster Miene vor die versammelte Presse im Haus der Kunst treten. In Wahrheit handelt es sich bei Gilbert und George aber um zwei der provokantesten Künstler der Gegenwart.

Anlässlich der Eröffnung der so genannten Großen Ausstellung im Haus der Kunst in München, die das künstlerische Werk von Gilbert & George aus vierzig Jahren vorstellt, präsentierten sich die Londoner der Öffentlichkeit. Ihr stets unterkühltes, fast schon spießig wirkendes Auftreten kommentierten sie dabei mit den Worten: "Wir wollten Künstler sein, für die sich unsere Mütter nicht schämen müssen."

Immer gemeinsam über die Straße

Ob ihnen das gelungen ist, ist fraglich: In ihren Werken, die Titel wie "Shitty Naked Human World" tragen und in denen Gilbert & George stets selbst zu sehen sind, stehen solch brisante Themen wie Sexualität und Religion im Mittelpunkt. George Passmore, der 1942 in der englischen Grafschaft Devon geboren wurde, und Gilbert Proesch, der 1943 in Südtirol zur Welt kam, lernten sich 1967 an der St. Martin's School of Art in London kennen und sind seitdem ein Paar, in der Kunst wie im Leben.

Nach eigenen Aussagen streiten sie niemals. Um zu vermeiden, dass ihre unzertrennliche Einheit zerstört wird, weil einer früher stirbt als der andere, überqueren sie die Straße immer gemeinsam. Nach Abschluss der Akademie hatten die Künstler den Eindruck, mit leeren Händen dazustehen - und so erklärten sie sich kurzerhand selbst zu einem Kunstwerk und traten als lebendige Statuen in zahlreichen Städten auf. Für die Medien und das Establishment waren diese "living sculptures", die Trinkgelage in gepflegtem Maßanzug veranstalteten, damals sehr irritierend.

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Gilbert & George, anlässlich der Eröffnung der Großen Ausstellung im Haus der Kunst in München.Foto: ddp



Abbildung von Körperflüssigkeiten



Auch heute noch brechen Gilbert & George Tabus: Um den Jugendwahn zu verhöhnen, posierten die Künstler vor kurzem vollkommen nackt. "Sie machen Kunst nicht nur mit ihren Körpern, sondern auch in ihren Körpern", sagt Kurator Jan Debbaut. Denn selbst vor der Abbildung ihrer Körperflüssigkeiten und Exkremente, die sie vorher mit dem Mikroskop untersuchten, schrecken die über 60-Jährigen nicht zurück. "Journalisten fragen uns oft, wo wir diese Exkremente herbekommen. Ich sage dann immer, da wo Sie Ihre auch herbekommen", kommentiert George dieses Thema trocken.

Wichtig ist den Gentlemen, dass sie "Kunst für alle" machen. "Wir sind verliebter in die Betrachter der Kunst als in die Kunst selbst", sagen die Londoner und so wollen sie, dass jeder ihre Werke verstehen kann. Die Konzeption der Ausstellung in München, die bis zum 9. September zu sehen ist, erscheint eher pragmatisch: "Wir haben die größten Bilder eben einfach an die größten Wände gehängt". Die Frage, warum sie denn so viele ihrer Werke in München präsentieren, können die Künstler nicht so richtig verstehen, schließlich seien es nur etwa 15 Prozent ihrer Arbeiten und außerdem seien weiße Wände undemokratisch und sowieso immer da.