Der Tagesspiegel : Auszug aus dem Leben

Weltliche Trauerredner betonen das Individuelle

Reinhart Bünger

Es gibt Todesfälle, da stehen sie ganz alleine vor der Urne – die Trauerredner. Nicht immer gibt es Hinterbliebene, die sie rufen. Manchmal ist es das Sozialamt. Oft aber sind es allein stehende Menschen, die en detail verfügt haben, wie ihr letzter Weg aussehen und begleitet werden soll. Und es gibt Menschen, die darauf bestehen, auf ihrer Beerdigung das letzte Wort zu haben. Sie wollen die Deutungshoheit über ihr Leben nicht aus der Hand geben. Und so lassen sie sich zu Lebzeiten – und bei bester Gesundheit – eine Trauerrede schreiben, zum Beispiel von einer Trauerrednerin wie Karen F. Schefe.

Die 46-Jährige, die als Sozialarbeiterin lange mit Menschen mit geistiger Behinderung arbeitete, schrieb ihre erste Trauerrede für ihren Lebensgefährten. „Ich bin Trauerrednerin geworden, weil ich mich durch diese Arbeit beschenkt fühle“, sagt sie. „Ich liebe Geschichten, ich schreibe gerne und es ist schön, wenn die Dinge ihren Platz finden.“

Seit Jahren verzeichnen Vereinigungen freier Redner, die Traueransprachen in philosophisch-neutraler und überkonfessioneller Form als Alternative zu kirchlichen Feiern anbieten, einen Zulauf. Anders als bei religiös geprägten Zeremonien steht bei ihnen ausschließlich die jeweilige verstorbene Persönlichkeit im Mittelpunkt. „Bei den Hinterbliebenen ist oft große Erleichterung spürbar, wenn man in großer Buntheit das Leben beschreibt“, hat Karen F. Schefe erfahren. Natürlich kann der Inhalt einer Rede immer nur so gut sein, wie die Informationen, die ihr zugrunde liegen.

Dass das Menschenbild des Trauerredners beim Abfassen der Rede nicht das Maß für die letzten Dinge sein sollte, versteht sich von selbst. Doch die Orientierung in einem fremden Leben ist schwer zu finden. Nicht immer entwickelt sich wie von selbst ein Lebensbogen, der schillernd wie ein Regenbogen den Ablauf einer Trauer- oder Abschiedsfeier ordnet.

Oft wird Trauerrednern subtil bedeutet, Partei zu ergreifen in individuellen Fragen von Schuld und Sühne. „Wir achten darauf, dass ein mehrdimensionales Bild entsteht, in dem die Einzelteile zueinander finden“, setzt die Trauerrednerin Schefe dagegen. Sie ist sich ihrer hohen sozialen Verantwortung bewusst, beansprucht aber auch ihren Freiraum zum Abfassen ihrer Reden. „Ich hole mir von den Hinterbliebenen eine innere Erlaubnis.“ Durch die Gesprächsatmosphäre mit den Hinterbliebenen bekomme man auch etwas vom Verstorbenen mit. „Da ergibt sich zum Beispiel mitunter die Musik von ganz alleine.“

Gemeinsam mit drei anderen Trauerrednern hat sich Schefe zu einem „Trauer-Quartett“ zusammengeschlossen, in dem die Freuden dieses sehr speziellen Berufes geteilt und Zweifelsfälle besprochen werden. Sie schöpfen aus einem gemeinsamen Literaturfundus, bilden sich gemeinsam fort und geben sich Ratschläge. Denn die Wünsche der Toten sind mitunter skurril. Was soll man dazu sagen, wenn ein Verstorbener beispielsweise verfügte, anstelle von Erde bitte Buletten in das offene Grab zu werfen? Auch bei der Musikauswahl gibt es Grenzen des guten Geschmacks. Werden nationalsozialistische Kampflieder gewünscht, ist diese Grenze überschritten. Elvis Presleys Rock ’n’ Roll hingegen gilt nicht als pietätlos.

Bisweilen sind die Trauerredner auch später noch gefragt. „Wenn ich sehe, dass die Hinterbliebenen in ihrer Trauer stecken bleiben, verweise ich an professionelle Hilfen.“ Es gilt, einen Anfang und ein Ende zu finden. Beides ist schwierig genug. Denn für die Rede gibt es keine Generalprobe, sie kann auch nicht wiederholt werden, wenn sie falsch angelegt wurde. „Eine Trauerrede kann nur ein Auszug aus dem Leben sein.“ Damit muss auch Karen F. Schefe leben.

Weitere Informationen unter:

www.trauerreden-schefe.de

www.tod-kultur.org

www.trauerredner.de

www.memosite.de

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