Der Tagesspiegel : Bahn ohne Bahnhöfe

Der Konzern will von seinen 150 Gebäuden in Brandenburg nur 20 behalten

Klaus Kurpjuweit

Potsdam - Die Bahn mag ihre Bahnhöfe nicht mehr. Seit Jahren lässt sie Stationen vor allem an Nebenstrecken verfallen. Oder sie versucht, die Gebäude zu verkaufen. Für rund 80 hat sie in Brandenburg in den vergangenen Jahren schon neue Eigentümer gefunden. Am Schluss will die Bahn von den heute rund 150 Bahnhofsgebäuden nur noch etwa 20 selbst behalten. Angaben zu den Verkaufserlösen macht die Bahn nicht.

Für den Betrieb benötigt die Bahn oft keinen Bahnhof mehr. Das Personal hat sie aus den meisten Gebäuden längst abgezogen; Fahrkarten gibt es in der Regel nur noch an Automaten. Warteräume sind längst geschlossen, eine Gepäckabfertigung gibt es seit Jahren nicht mehr, und auch die Dienstwohnungen, die es in vielen Bahnhöfen gab, sind häufig verwaist.

Bahnhöfe sind für die Bahn nur noch sogenannte Verkehrsstationen. Dazu reichen Bahnsteige und Fahrkartenautomaten aus, mit etwas Glück gibt es auch Sitzgelegenheiten und vielleicht ein vor Regen oder Schnee schützendes Dach. Die Bahnhofsgebäude dagegen sind geschlossen; der Zugang zu den Bahnsteigen führt am Gebäude vorbei.

Weil diese Bahnhöfe keinen Nutzen mehr haben und nur Geld kosten, sollen sie verkauft werden. Ein Vorkaufsrecht räume man den Kommunen ein, sagte Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Einige haben auch bereits zugegriffen. In Luckenwalde werde so aus dem Bahnhof eine Bibliothek, in Ludwigsfelde ein Museum, und in Neuruppin ist am Rheinsberger Tor das Tourismuszentrum eingezogen.

Oft fehlt den Gemeinden aber das Geld für den Bahnhofskauf. Dann kommen private Interessenten zum Zug. Gut geeignet seien die Stationen unter anderem für Handwerker, sagt Ahlert. Ideal seien sie auch für Ateliers oder Büros. „Die Fantasie kennt hier keine Grenzen“.

Das Infrastrukturministerium in Potsdam wurde von der langen Verkaufsliste überrascht. Noch vor wenigen Jahren hatte die Bahn weit weniger Stationen auf ihrer Verkaufsliste. Entscheidend sei aber, dass der Zugang zu den Bahnsteigen gewährleistet sei, sagte Lothar Wiegand, der Sprecher des Ministeriums. Das Land fördere auch in Zukunft die Anlage von Park-and-ride-Plätzen vor den Bahnhöfen – egal, wem das Gebäude gehöre.

Auch die Bahn will ihre „Verkehrsstationen“ auf Vordermann bringen. Für die insgesamt rund 330 Bahnhöfe und Haltepunkte soll im April eine neue „Entwicklungskonzeption“ veröffentlicht werden. Dabei wird der Zustand der Anlagen bewertet. 2002 hatten rund 35 Prozent der Stationen große Mängel.

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