Bahnstreik : Unbefristete Streiks drohen ab nächster Woche

Die GDL erwägt ab kommender Woche unbefristete Streiks im Personen- und Güterverkehr, wenn die Bahn übers Wochenende kein neues Angebot vorlegt. Bis dahin wird es keine neuen Streiks geben.

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Im Güterverkehr stehen die meisten Räder still. -Foto: ddp

Berlin/Frankfurt/MünchenIm Tarifstreit mit der Bahn wird die Lokführergewerkschaft GDL bis einschließlich Montag nicht zu neuen Streiks aufrufen. Das sagte der GDL-Vize Claus Weselsky am Freitag in Frankfurt. Der jetzige Streik im Güter- und Fernverkehr läuft bis Samstagmorgen 2.00 Uhr.

Trotzdem erwägt die GDL einen unbefristeten Streik im Nah-, Fern- sowie Güterverkehr, sollte die Bahn bis Montag kein neues Angebot vorlegen. "Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, wenn dieser Bahn-Vorstand sich nicht bewegt", sagte der stellvertretende GDL-Vorsitzende Günther Kinscher in München. Die Schadenersatz-Klage der Bahn sehe man gelassen, meint Kinscher. Das Unternehmen wolle die GDL damit "einschüchtern". Laut "Bild"-Zeitung sind die Streikkassen der Gewerkschaft prall gefüllt. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) könne die GDL theoretisch Arbeitsniederlegungen bis Februar finanzieren.

Lokführer stellen sich gegen Schell

Bei weiteren Streiktagen würden "viele wankelmütige Lokführer nicht mehr dem Kurs ihres Vorsitzenden Manfred Schell folgen", sagte Jürgen Brügmann von der Bundesbahnbeamtengewerkschaft dem "Westfalen-Blatt". Auch Äußerungen eines GDL-Funktionärs aus Sachsen im ARD-"Morgenmagazin" lassen Uneinigkeit unter den Lokführern vermuten. Der Mann hatte erklärt, nicht alle Äußerungen von GDL-Chef Manfred Schell ließen sich auf die Goldwaage legen. Schell wiederum hatte zuvor in der Talk-Sendung Michel Friedmans erklärt, auf einen eigenständigen Tarifvertrag unter Umständen verzichten zu können, falls die Bahn eine deutliche Lohnerhöhung anbiete. Der Funktionär aus Sachsen bestand seinerseits auf einen eigenständigen Vertrag mit dem Konzern.

Der nordrhein-westfälische GDL-Bezirksvorsitzende Frank Schmidt sagte unterdessen dem "Westfalen-Blatt", die in den vergangenen Wochen von der Gewerkschaft Transnet zur GDL gewechselten Lokführer hätten nicht gestreikt, da sie von dem zwischen Bahn und Transnet geschlossenen Tarifvertrag profitiert hätten und im Streikfall deshalb eine Kündigung möglich gewesen wäre.

Ostdeutschland vom Streik besonders hart getroffen

Besonders stark betroffen sind nach Bahn-Angaben erneut die neuen Bundesländer. Die Lage im Güterverkehr habe sich nach über 43 Stunden Streik dramatisch zugespitzt. "In Ostdeutschland werden nur noch die ganz wichtigen Versorgungszüge gefahren", erklärte ein Bahnsprecher am Morgen. Im Westen kann dagegen noch eine Grundversorgung aufrechterhalten werden. Nach Angaben der Gewerkschafter GDL hatten bis Donnerstagabend 5230 Lokführer und Zugbegleiter die Arbeit niedergelegt. Der Streik soll bis Samstagmorgen um zwei Uhr dauern.

Im Fernverkehr sollen laut Bahn heute rund zwei Drittel der Züge verkehren, vor allem ICE-Züge. Bundesweit setzt die Bahn fast 500 Busse im Schienenersatzverkehr ein. Rund 1000 Mitarbeiter sind zusätzlich im Servicebereich im Einsatz. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt verkehren lediglich 20 Prozent der Regionalzüge, in Westdeutschland sind es durchschnittlich rund 50 Prozent.

Berliner S-Bahn fährt 30 Prozent der normalen Leistung

Starke Einschränkungen gibt es auch im S-Bahnverkehr. Die S-Bahn in Berlin fährt rund 30 Prozent ihrer normalen Leistung, bei der S-Bahn Hamburg sind es rund 50 Prozent. In München, Frankfurt am Main und in Stuttgart verkehren ein Drittel aller S-Bahn-Züge. Im Güterverkehr sind nach Bahn-Angaben in Folge des Streiks bisher rund 6000 Schichten ausgefallen. Dennoch kann das Unternehmen eine Grundversorgung für West- und eine Minimalversorgung für Ostdeutschland sicherstellen.

Die deutsche Wirtschaft warnt unterdessen vor einer deutlichen Beeinträchtigung der Konjunktur durch die Arbeitsniederlegungen im Güterverkehr. "Die Gewerkschaft der Lokführer fordert geradezu heraus, dass schwarze Wolken am Konjunkturhimmel aufziehen", sagte der Konjunkturexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Volker Treier, der "Berliner Zeitung". Der Aufschwung werde immer noch von der Industrie und vom Export stimuliert. Die betreffenden Branchen seien aber auf die Schiene als Transportmittel angewiesen, und deshalb "trifft der Streik direkt die Konjunktur", fügte Treier hinzu. (mit AFP/dpa)