Der Tagesspiegel : Bakterien mit Sushi-Gen

Japaner können Algen besser verdauen

Kai Kupferschmidt

Algen sind ein wichtiger Bestandteil der Ernährung in Japan. Im Schnitt nimmt jeder Japaner am Tag 14,2 Gramm der Meerespflanzen zu sich – und das hat offenbar Spuren hinterlassen. Französische Forscher haben herausgefunden, dass Japaner in ihrem Darm Bakterien mit speziellen „Sushi-Genen“ besitzen. Diese Gene ermöglichen es den Mikroorganismen, langkettige Zucker in den Zellwänden der Algen abzubauen und sie so für sich und den Menschen zugänglich zu machen.

Die Forscher um Mirjam Czjzek waren zuerst bei dem Meeresbakterium Zobellia galactanivorans, das sich von den Zellwänden der Algen ernährt, auf die Gene gestoßen. Zu ihrer Überraschung fanden die Forscher das gleiche Erbgut aber auch im menschlichen Darmbakterium Bacteroides plebeius, allerdings nur bei Japanern. Bei einer Gruppe von 18 Amerikanern war die Suche dagegen erfolglos, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin „Nature“ (Band 464, Seite 908).

„Offenbar haben Menschen, die häufig Algen essen, auch diese Bakterien zu sich genommen, und die haben das Gen dann weitergegeben an die sesshaften Darmbakterien“, sagt Czjzek. Lateralen Gentransfer nennen Forscher so einen Austausch von Erbmaterial. Er ist vor allem in Krankenhäusern gefürchtet, weil besonders hartnäckige Keime ihre Resistenzgene so an andere Krankheitserreger weitergeben können.

Bei dem „Sushi-Gen“ allerdings profitiert der Mensch höchstwahrscheinlich von dem zusätzlichen Werkzeug der Darmbewohner. „Dadurch werden unverdauliche Bestandteile in Stoffe verwandelt, mit denen der Mensch etwas anfangen kann“, sagt Michael Blaut, Leiter der Abteilung Gastrointestinale Mikrobiologie. Dass die Darmbakterien des Menschen diese Gene vermutlich durch Gentransfer aufgenommen haben, findet er nicht erstaunlich. „Gerade in einem relativ abgeschlossenen Habitat wie dem Darm kommt das sicher sehr häufig vor“, sagt er. Gut möglich also, dass Forscher in den nächsten Jahren weitere Feinkost-Bakterien finden werden, die sich auf eine bestimmte Diät spezialisiert haben. Kai Kupferschmidt

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