Der Tagesspiegel : Bau des Großflughafens braucht große Unternehmen

IHK und Wirtschaftsminister empfehlen Zusammenschlüsse von Bietern. Fachgemeinschaft Bau glaubt, dass der Boom an der Region vorbeigeht

Claus-Dieter Steyer

Schönefeld - Unterschiedlicher könnten die Erwartungen der regionalen Wirtschaft an den Bau des Großflughafens in Schönefeld kaum ausfallen. Während die Fachgemeinschaft Bau Berlin-Brandenburg kaum Hoffnung auf Aufträge für kleine Firmen sieht, sprechen Brandenburgs Wirtschaftsministerium sowie Industrie- und Handelskammer von „großen Chancen“. Mit Spannung erwartet die Wirtschaft deshalb die tatsächliche Vergabepraxis der Flughafengesellschaft als Auftraggeber. Während der Bauphase wird mit rund 7000 zusätzlichen Jobs im Baugewerbe gerechnet.

„Wenn der Steuerzahler irgendein großes Bauprojekt bezahlt, wird stets der billigste Anbieter genommen“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau, Wolf-Burkhard Wenkel. „Die billigste Firma zahlt aber nicht den gesetzlichen Mindestlohn für die Arbeiter, sonst könnte sie den Wettbewerber nicht unterbieten. Unsere einheimischen Betriebe zahlen ihren Angestellten aber keinen Stundenlohn von zwei Euro, wie das bei der Beschäftigung von ukrainischen Bauleuten der Fall ist.“ Auch beim Umbau des Olympiastadions und anderen Berliner Großprojekten seien kleine Firmen leer ausgegangen, beklagt Wenkel.

Als Lösung schlägt der Interessenverband der örtlichen Bauwirtschaft eine „bindende Verpflichtung der Generalauftragnehmer“ vor, im Zuge einer beschränkten Ausschreibung Firmen aus der Region zu berücksichtigen. Wer diese Grundsätze missachte, sollte nach Auffassung der Fachgemeinschaft mit Vertragsstrafen belegt werden.

Die drei Industrie- und Handelskammern sehen die Situation keineswegs so pessimistisch wie die Lobby der Bauwirtschaft. „Wir organisieren am 4. April in Wildau ein Bieterseminar für alle interessierten Firmen“, erklärt Detlef Gottschling, Pressesprecher der IHK Potsdam. „Wenn sich kleine Betriebe zu größeren Bietergemeinschaften zusammenschließen, bestehen durchaus Chancen für Aufträge.“ Allerdings sei Eile geboten. Jeder interessierte Firmenchef müsse jetzt in seine Schubladen greifen und die vorbereitete Mappe mit seinem Leistungsprofil hervorholen. Schließlich werde über den Großflughafen seit 15 Jahren diskutiert und der Termin der Gerichtsentscheidung von Leipzig sei auch schon lange bekannt gewesen. In dieser Zeit hätten schon viele Partnerschaften gebildet werden können.

Tatsächlich haben sich auf eine so genannte Bieterliste bisher 218 Firmen eingetragen. Sie wird bei der Industrie- und Handelskammer Cottbus geführt, weil Schönefeld in diesem Kammerbezirk liegt. Dessen Chef Joachim Lindstedt zeigt sich optimistisch. Er rechnet damit, dass sich die regionale Wirtschaft „15 Prozent vom großen Auftragskuchen abschneiden“ kann. Das wäre ein Volumen von rund 300 Millionen Euro.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) ermunterte die kleinen Unternehmen, sich zu größeren Arbeitsgemeinschaften zusammenzuschließen. Niemand solle sich einschüchtern lassen, dass er bei der Auftragsvergabe ohnehin keine Chance habe. Junghanns will persönlich die Vergabepraxis der Flughafengesellschaft „sehr genau beobachten“.

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