Baumblütenfest : Im Blütenrausch

Am Wochenende hat das 129. Baumblütenfest in Werder begonnen – mit viel Sonne und viel Obstwein

Juliane Wedemeyer
Baumblütenfest
Wochenend, Sonnenschein und blühende Bäume in Werder. -Foto: Uwe Steinert

WerderDen ersten Schluck Wein hat Jürgen Deutscher am Morgen getrunken. Quittenwein, aus eigener Ernte, gleich nachdem er die Stange mit der weiß-rot-grünen Werder-Fahne zwischen die lila Stiefmütterchen an der Plantageneinfahrt gerammt hat. „So mach ich das jedes Jahr“, sagt der 52-jährige Obstgärtner. So hat er auch das diesjährige Werderaner Baumblütenfest begonnen.

Bis zum 4. Mai erwartet die Inselstadt an der Havel rund 500 000 Blüten-Besucher zur 129. Auflage ihres Fests. Die Straßen in der Innenstadt sind abgesperrt, an den Bürgersteigen reihen sich Buden mit Lebkuchenherzen, Softeis, Schmuck und – vor allem – Obstwein. Mehr als 90 Obstweinstände stehen zu Zeit in der 24 000-Einwohner-Stadt. Denn darum geht’s den einen: Das Baumblütenfest ist für sie in erster Linie ein riesiges Saufgelage. Von „Ballermann-Meile“ spricht eine Bürgerinitiative aus vom Lärm geplagten Werderanern und fordert, das Fest auf die „grüne Wiese“ zu verlegen.

Dort, bei Obstgärtner Deutscher, sitzen derzeit die anderen: Sie kommen hierher, weil man fernab der Innenstadt kurz nach Zehn nur Vogelgezwitscher hört. Die meisten Tische unter den weißen Kirschblüten sind zwar noch leer. Später, so gegen Mittag, würden aber alle Tische besetzt sein, sagt Deutscher. Während des Fests besuchten täglich rund 500 Menschen seine Plantage, trinken Kaffee, essen Kuchen – und tränken natürlich auch den einen oder anderen Becher Obstwein zu 1,50 Euro.

Gegen Mittag ist auch die benachbarte Kirschplantage von „Barth und Remus“ schon gut besucht. Kinder spielen Ball, reiten auf Ponys und stapeln Strohballen zu Ritterburgen. Es riecht nach Holzkohle und Bratwurst. Familie Lehnert und ihre Freunde aus Berlin haben sich das Essen selbst mitgebracht: vier Picknikkörbe und eine Kühltasche. „Wir sind richtige Profis, wir fahren jedes Jahr hierher“, sagt Peter Lehnert, während er sich den Oberkörper mit Sonnencreme einreibt. „Hier unter den Blüten ist es das erste Mal im Jahr, dass man den Frühling so richtig spürt“, sagt Babette Lehnert.

Die Besucher aus Berlin fahren meist mit dem eigenen Auto auf die Plantagen, oder sie kommen mit dem Bus. Jede halbe Stunde bricht ein Sonderbus vom Hauptbahnhof zur Blütenrundfahrt auf – Hin- und Rückfahrt gibt’s für fünf Euro. Rund um Werder sind zwölf Obstbauern angesiedelt. An insgesamt vier Höfen macht der Bus Station – Deutschers ist der erste auf der Strecke. Der Obstbauer und seine Frau schmeißen den Hof gemeinsam mit Tochter Susanne, die in dem Familienbetrieb ihre Lehre zur Gärtnerin absolviert. Jürgen Deutscher steht hinter dem Stand mit den bauchigen Glasflaschen und zapft den Wein für die Gäste. Wieviel Flaschen er während des Baumblütenfests verkauft, will er aber nicht verraten – Betriebsgeheimnis. Das Alkoholverbot, das seit dem 11. April diesen Jahres gilt, dürfte darauf jedoch keinen Einfluss haben. Speziell fürs Baumblütenfest hat es die Stadt aufgehoben.

Seine Frau Monika verkauft den selbstgebackenen Kuchen: „Zehn Bleche, bis um halb Zwei habe ich gestern in der Küche gestanden“, sagt sie. Und der Schwiegersohn grillt.

Als die Plastikbecher der Großmanns leer sind, radeln die beiden weiter zur nächsten Plantage – über Feldwege, vorbei an weißblühende Baumreihen und Grasstreifen, auf denen der gelbe Löwenzahn blüht. Um 18 Uhr sind auch die letzten Busse wieder losgefahren und Deutscher schließt seine Plantage wieder bis zum nächsten Morgen.

Derweil werden die Schattenseiten des Festes bekannt. Die Polizei meldet, dass sie mehrere Schlägereien schlichten musste. Auch diese Schlagzeilen gehören in jedem Jahr wieder dazu.

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