Baumblütenfest in Werder : 250.000 Liter Obstwein für 500.000 Gäste

An diesem Sonnabend beginnt das Baumblütenfest in Werder. 120 Gärten und Höfe öffnen ihre Tore. Die Polizei verbietet Glas in Zügen.

Claus-Dieter Steyer
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Foto: Archiv

Werder (Havel) - Obstzüchter Wilhelm Wils hätte heute sicher seine liebe Mühe, das von ihm vor 130 Jahren ins Leben gerufene Baumblütenfest in Werder wiederzuerkennen. Denn als er 1879 den Obstbauverein von seiner Idee überzeugte, in den Berliner Zeitungen die Bewirtung aller Gäste mit Obstwein, Kaffee und Kuchen in der letzten Aprilwoche in blühenden Gärten anzukündigen, war an den großen Rummel nicht zu denken. Man setzte sich einfach unter die weiße Blütenpracht der Obstbäume und genoss in Ruhe die Getränke. Die Zufriedenheit war durchaus gerecht verteilt, freuten sich die Obstbauern doch über erste Einnahmen nach den langen Winterwochen und über die Werbung für die wenig später einsetzende Ernte.

„Auch heute sind solche Erlebnisse durchaus möglich“, sagt Werders Bürgermeister Werner Große (CDU). „Man sollte sich nur etwas außerhalb des eigentlichen Festgetümmels auf die Insel und in die Hauptstraßen begeben.“ Dennoch muss niemand dafür aufwendig suchen oder lange Wege in Kauf nehmen. „Blütenrundfahrten“, heißt die Lösung. Im 30-Minuten-Takt verkehren Busse an den Wochenenden und am 1. Mai vom Bahnhof Werder im Anschluss an die Züge aus Berlin zwischen 10 und 16 Uhr zu den Obstbauern. In der Woche gibt es jede Stunde zwischen 10 und 15 Uhr eine Rundfahrt. Wo es gefällt, kann ausgestiegen werden. Dann geht es mit dem nächsten Bus weiter.

Zu den neun Gastgebern gehört der Obsthof im Ortsteil Glindow. „Wir bieten neben Wein, Kaffee, Kuchen, Thüringer Bratwurst und Stullen mit selbst hergestellter Marmelade auch einen herrlichen Blick über Glindow und Werder“, heißt es von der Familie, deren Himbeerwein dank einer herben Note bei Stammgästen hoch im Kurs steht. Die Türen für die Besucher stehen hier nach alter Tradition nur während des Baumblütenfestes offen, während andere Betriebe die ganze Saison über einen Hofladen führen. Wer will, kann die Plantagen der Bauern auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß ansteuern. Der Obstpanoramaweg ist ausgeschildert und gut zu befahren.

Doch das Geschäft mit den jährlich rund 500 000 Besuchern machen auch ganz normale Bewohner von Werder. Sie stellen einfach Tische und Stühle in ihre Gärten und laden die Gäste ein. Auf rund 120 soll deren Zahl inzwischen angestiegen sein. Hier verkaufen die Grundstückseigentümer in bester Familientradition Wein, Bier, selbst gemachten Kuchen oder auch Würste vom Grill. Die Stadtverwaltung spricht von einem „sichtbaren Mentalitätswechsel“. Lange Zeit hätten die Einwohner beim Baumblütenfest lieber unter sich bleiben wollen und Fremde gar nicht auf den Hof gelassen. Inzwischen habe es sich wohl herumgesprochen, dass mit den gut gelaunten Gästen so mancher zusätzliche Euro verdient werden könne. Die schönsten Höfe gibt es direkt auf der Insel an der Havel.

250 000 Liter Obstwein sollen insgesamt angeboten werden, ausgeschenkt in Plastikbechern. Glasflaschen dürfen nicht einmal im Regionalexpress nach Werder mitgenommen werden, das hat die Bundespolizei verboten.Wer dagegen verstößt, muss den Zug unterwegs verlassen. Und wer außerhalb der kostenfreien Toiletten seine Notdurft verrichtet, zahlt 59 Euro Strafe. Claus-Dieter Steyer

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