Der Tagesspiegel : Baumblütenfest: Premiere für "Kirschsekt"

Claus-Dieter Steyer

Pünktlich mit den ersten Sonnenstrahlen ließen sich gestern Vormittag auch die ersten Gäste in der Plantage von Obstbauer Stefan Lindicke am Rand von Werder häuslich nieder. Schmalzstullen, Käse- und Pflaumenkuchen oder Bratwürste und die obligatorischen Gläser mit dem berühmt-berüchtigten Wein aus verschiedensten Früchten standen auf den Tischen, so dass dem Genuss nichts mehr im Weg stand. "Wir wären auch bei Regen gekommen", sagte eine Frau aus Berlin. "Das Baumblütenfest von Werder steht bei uns immer im Kalender. Wir sind schon Stammgäste."

So wie die Familie Lindicke unweit der Bundesstraße 1 öffneten gestern rund 80 Obstbauern ihre Gärten und Plantagen für die Besucher. "Bis zum 6. Mai bieten wir zusammen mit einem befreundeten Gartenbaubetrieb täglich zwischen 10 und 18 Uhr viele hausgemachte Dinge zum Essen und Trinken an", erklärte der Geschäftsführer. Stühle und Tische stünden zwar in genügender Zahl zur Verfügung, aber er selbst fühle sich auf einer Decke am wohlsten.

Dann könnten in Ruhe alle Spezialitäten probiert werden. Auch Strohballen eigneten sich als Sitzgelegenheit. Erstmalig stellen die Lindickes in diesem Jahr den "Kirschsekt" vor. Dieser Schaumwein werde während der Flaschengärung von Hand gedreht und erhalte dadurch ein angenehme trockenes Bukett, erklärt der Obstanbauer die Spezialität.

Nach der Stärkung zog es viele Plantagenbesucher in den Trubel der Innenstadt. Die neue Baumblütenkönigin Isabell Muschert führte den Festumzug durch Werder an. Mit knapper Mehrheit hatte sich die 20-jährige Angestellte aus dem Groß- und Außenhandel am Vorabend gegen vier Mitbewerberinnen durchgesetzt. Zwischen 11 und 22 Uhr laufen beim größten Brandenburger Volksfest täglich Unterhaltungsprogramme auf zehn Bühnen. Dazu gibt es ein buntes Markttreiben, Rummel, Hubschrauber-Rundflüge und Tanz in den Biergärten.

Bereits zum 122. Mal veranstalten die Werderaner diesen Auflauf. 1879 hatte der Obstzüchter Wilhelm Wils die Idee, den Höhepunkt der Baumblüte in den Berliner Zeitungen bekanntzugeben. Der Obst- und Gartenbauverein der Stadt stimmte dem Antrag seines Mitgliedes zu, und fortan wurde die Blüte statt der Frucht den Besuchern als Attraktion verkauft. Schon 1895 berichtete der damalige Bürgermeister von 20 000 Besuchern. Die meisten kamen mit den zahlreichen Sonderzügen aus Berlin und Potsdam.

Diese Anreise empfiehlt sich auch bei der diesjährigen Auflage. Zwischen Werder und Potsdam Hauptbahnhof (Anschluss an die S-Bahn nach Berlin) verkehren an den Festtagen Sonderzüge im 20-Minuten-Takt. Vom Bahnhof bieten Kremser ihre Dienste für die Fahrt ins Stadtzentrum an. Auch die Wahl des Schiffes kann empfohlen werden. Sowohl die Weiße Flotte Potsdam als auch die Stern und Kreis Schiffahrt bieten Routen an.

Schon 1841 hatte ein Reiseführer vermerkt: "Die Fahrt nach dem Städtchen am Wasser ist eine sehr angenehme Parthie!". Daran hat sich nichts geändert.

Zu den Obsthöfen verkehren stündlich Sonderbusse vom Stadtzentrum in Werder aus.

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