Bayern-Trainer : Wer ist Jürgen Klinsmann?

Er ist hartnäckig, aber sein Wirken übersinnlich. Tempo und Aggressivität zählen, nicht nur im Spiel. Physis geht ihm über Taktik. Heute kämpft er gegen Bremen um sein Projekt.

Sebastian Krass[München],Michael Rosentritt

WIE GEHT ER BEIM FC BAYERN VOR?



Jürgen Klinsmann hat nie einen Zweifel daran gelassen, als klassischer Cheftrainer zu arbeiten. Anders als früher in der Nationalmannschaft leitet Klinsmann Tag für Tag die Übungseinheiten auf dem Platz. Er ist dann viel unterwegs, läuft von diesem Spieler zu jenem und erklärt – ganz Kosmopolit – auf Deutsch, auf Englisch, auf Italienisch oder auf Spanisch, was er will. Um sich geschart hat er ein international besetztes Funktionsteam in Mannschaftsstärke. Klinsmann spricht gern von „Empowerment“, von „Verantwortungsübergabe“. Das Prinzip, Aufgaben zu delegieren, habe er gegenüber seiner Zeit beim DFB deutlich verfeinert, sagt er selbst. Doch anders als bei der Nationalmannschaft arbeitet vor allem Kotrainer Martin Vasquez viel mehr im Hintergrund. Anders als Löw ist er nicht der heimliche Star im Trainerteam. Vasquez übernimmt die taktische Vorbereitung. Er analysiert die Gegner und entwirft gewissermaßen den Schlachtplan. Doch während Löw diesen Schlachtplan dann auch der Mannschaft vortrug, übernimmt das Klinsmann bei den Bayern selbst. Er versucht das Know-How seiner Assistenten umzusetzen. Allerdings ist fraglich, ob seine Didaktik schon voll ausgereift ist. Denn die Spieler kritisieren genau diese Vermittlung als zu ungenau, unpräzise und unverständlich.



WIE HAT ER ALS BUNDESTRAINER FUNKTIONIERT?

„Arne, er muss deinen Atem spüren!“ Diesen Satz hatte Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 dem Berliner Verteidiger mit auf den Weg ins Viertelfinale gegen Argentinien gegeben. Arne Friedrich hatte es mit Superstar Tevez zu tun. Am Ende bezwang Deutschland den Favoriten. Dieses Argentinienspiel war ein typisches Klinsmann-Spiel, eines, in dem die Mannschaft über Grenzen gehen musste, um zu gewinnen. Und das vor allem über die Physis. Klinsmann sind solche Spiele immer am liebsten gewesen: wenn er eigentlich keine Chance hatte und gerade dann das Letzte aus sich herausgeholt hat. In Wirklichkeit ist das ganze Projekt 2006 ein einziges Klinsmann-Spiel gewesen. Niemand hat ihn ernst genommen, als er 2004 davon sprach, er wolle Weltmeister werden. Am Ende war die Mannschaft über Grenzen gegangen – durch Wille, Glaube, Energie. Sein Wirken hatte etwas Übersinnliches. In seinen Sätzen schwang eine simple Botschaft mit: Hört auf uns, und ihr werdet Erfolg haben! Dabei ist der Glaube ein zentraler Punkt. Der Glaube an das Machbare, an die eigenen Fähigkeiten. Deren Optimierung war so etwas wie der Refrain seiner Fußballphilosophie. Durchgebracht hat er sie mit einer an Sturheit grenzenden Hartnäckigkeit. Klinsmann kann powern, motivieren, mitreißen. Er verabreichte dem Team über zwei Jahre hinweg ein Programm, von dem alle nur glauben konnten, dass es wirkt: Versetze jeden Einzelnen in die Lage, seine Bestform zu erreichen, dann wird das Ganze Bestform bieten. Er hat aus den Spielern keine besseren Fußballer gemacht, er hat sie aber körperlich fitter, mental stabiler und damit erfolgreicher gemacht. Im Turnier war die Mannschaft dann tatsächlich so stark, wie Klinsmann sie über Monate geredet hatte.



WELCHE CHARAKTERZÜGE ZEIGTE ER?

Klinsmann denkt groß. Er strahlt Optimismus aus. Das System Klinsmann geht von der eigenen Stärke aus, Zweifel darf es keine geben. So hat es der Spieler Klinsmann aus der väterlichen Backstube in Stuttgart-Botnang hinaus in die Welt, nach Mailand, Monaco, Tottenham, München, Genua und am Ende Kalifornien gebracht. Sein verstorbener Vater habe immer zu ihm gesagt: „Bub, halt die Augen auf! Denk wie ein Unternehmer! Und mach’ keine halben Sachen!“ Siegfried Klinsmann hat seinen Sohn mehr geprägt als jeder Trainer. In seinem Auftreten ist er stets umgänglich, bescheiden, smart; in seinem Handeln schnell, kühl, kompromisslos. „Ich komme ja aus der Angreiferecke“, hat Klinsmann mal gesagt. Offensive, Tempo und Aggressivität sind seine Schlagworte. Sie galten bei der Nationalelf nicht allein dem Spiel der Mannschaft. Klinsmann entfernte langjährige DFB-Männer (Pfaff, Skibbe, Stielike, Rutemöller, Maier) und ersetzte sie mit Männern seines Vertrauens. Er nahm Oliver Kahn die Kapitänsbinde und übergab sie Michael Ballack, er machte Jens Lehmann zur Nummer eins, zog mit dem Team während der WM nach Berlin statt wie geplant nach Leverkusen. Kleine Grausamkeiten hat er immer so begründet, dass alles bloß dem einen großen Ziel diene: Weltmeister zu werden. Dagegen war wenig zu sagen.

WIE VIEL TRAINER STECKT IN IHM?

Jürgen Klinsmann hat bei den Bayern Ottmar Hitzfeld beerbt. Einen erfahrenen, erfolgreichen Trainer und gewieften Taktiker. Das Trio Beckenbauer-Rummenigge-Hoeneß wollte es so. Es wollte den Projektleiter, den Reformer, den Modernisierer in Klinsmann. Vielleicht auch in der Hoffnung, dass auch sie gleich etwas moderner erscheinen. Bloße Taktik war noch nie Klinsmanns Stärke. Für die tägliche Detailarbeit hatte er als Bundestrainer unter anderen Joachim Löw. Sitzt Klinsmann auf der richtigen Stelle? Oder steckt am Ende vielleicht nicht eher ein Nachfolger für Uli Hoeneß in Klinsmann?

WAS UNTERSCHEIDET DEN DFB-KLINSMANN VOM BAYERN-KLINSMANN?

In seinem Selbstverständnis ist er sich treu geblieben. Immer noch sieht er sich als Projektleiter, als Reformer. Nur agiert er viel stärker in der alltäglichen Trainingsarbeit. Aber er musste auch sich selbst stärker den Realitäten anpassen. Vom Mut und dem Hang zu Überraschungen ist vielleicht nicht mehr ganz so viel geblieben. Die Buddha-Figuren, die er aufstellen ließ, sind verschwunden. Anfangs hat er die Mannschaft von Spiel zu Spiel verändert, der Erfolg blieb aus. Als er darauf verzichtete, kamen Siege und Punkte – nur hätte auch sein Vorgänger Hitzfeld diese Mannschaft aufs Feld schicken können. Einzig bei Lukas Podolski blieb er sich treu und handelte wie bei der Nationalmannschaft nach dem Prinzip, wer nicht über Grenzen gehen will, fliegt raus. Dabei war Podolski einst sein Lieblingsschüler. Allerdings stand Podolski auch schon vor Klinsmann in der Kritik. Vielleicht ist genau das sein Zugeständnis an den Unterschied, eine Nationalelf zu trainieren, die sich nur alle paar Wochen dem Erfolgsdruck stellen muss, und eine Vereinsmannschaft wie den FC Bayern, die jede Woche Punkte und Erfolge liefern muss. Einen Vorlauf, gar zwei Jahre wie bei der Nationalelf, hatte er für sein Projekt FC Bayern in München nicht.


ZUR PERSON


GEBOREN

Jürgen Klinsmann wurde am 30. Juli 1964 als zweiter von vier Söhnen eines Bäckers geboren. Als Klinsmann Bundestrainer war, starb sein Vater nach langer Krebserkrankung.

AUSBILDUNG

Nach der mittleren Reife absolvierte Klinsmann im elterlichen Betrieb in Stuttgart-Botnang eine Bäckerlehre. Klinsmann spielte in prominenten Ligen Europas, absolvierte 108 Länderspiele und wurde Welt- und Europameister. Heute spricht er mehrere Sprachen fließend.

FAMILIE

Seit 1995 ist er mit Debbie Chin, einer Amerikanerin chinesischer Herkunft, verheiratet. Das Paar, das viele Jahre in der Nähe von Los Angeles lebte, hat zwei Kinder.

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