Bedrohte Tierart : Handaufzucht eines Schneeleoparden gelungen

Schneeleoparden sind vom Aussterben bedroht. Eine Handaufzucht der selten gewordenen Tiere ist etwas ganz Besonderes. Dem Rostocker Zoo ist diese Sensation gelungen. Dort konnte Weibchen Emba prächtig gedeihen - fernab des Medienrummels.

Joachim Mangler[dpa]
Schneeleopard
Schneeleopardin Emba und ihre Ziehmutter Ellen Hinz. -Foto: dpa

RostockDie Schneeleopardin Emba streicht durch ihr Gehege im Rostocker Zoo, wie eine Hauskatze reibt sie ihren schmalen Körper mit dem gräulich-beigefarbenen Fell an Tierpflegerin Ellen Hinz. Die beiden haben seit Mai vergangenen Jahres eine besondere Beziehung, Emba wurde mit der Flasche aufgezogen. Wenige Tage nach ihrer Geburt bekam sie eine Virusinfektion. Die Krankheit machte eine tägliche Behandlung nötig, die aber in Anwesenheit der Mutterkatze nicht möglich gewesen wäre.

Eine Handaufzucht von Schneeleoparden ist nach Worten der Tierärztin Katja Brase aus Hannover etwas ganz Besonderes und extrem selten. "Die großen Anstrengungen rentieren sich für jedes einzelne Tier, das am Leben erhalten wird", sagt Brase, die ihre Doktorarbeit über die vom Aussterben bedrohte Tierart geschrieben hat. Schätzungen der Naturschutzorganisation NABU zufolge leben weltweit in Zoos rund 300, freilebend in den Bergen Zentralasiens etwa 3300 Tiere. Zootiere werden allgemein als Reservepopulationen für vom Aussterben bedrohte Tierarten betrachtet, sagt Antje Zimmermann, Kuratorin im Rostocker Zoo. In der Heimat der Schneeleoparden gibt es Auswilderungsprojekte.

Nur die Nachbarn wussten Bescheid

“In den ersten Lebenstagen verlief die Entwicklung Embas völlig normal", erzählt Hinz, die inzwischen mit ihrem Schützling auf Werbepostern der Stadt überall in Rostock zu sehen ist. Nach wenigen Tagen bemerkte sie aber, dass die Entwicklung des handtellergroßen Schneeleoparden stockte. "Nichts ging mehr." Darum fiel im Team die Entscheidung, das noch namenlose, gut 500 Gramm schwere Tier von der Mutter zu trennen und Ellen Hinz mit der Aufzucht zu betrauen. Ein für Mecklenburg-Vorpommern bislang einmaliges Projekt begann, es läuft im Rahmen des Europäischen Zuchtprogramms (EEP).

Anders als beim Berliner Eisbären Knut verlief die Aufzucht der Schneeleopardin Emba, die ihren Namen nach einem asiatischen Flusslauf erhielt, abseits der Öffentlichkeit. Emba war Tag und Nacht bei ihrer Ersatzmutter, auch zu Hause im Rostocker Umland. "Die Nachbarn wussten Bescheid, sonst niemand", sagt Hinz. Das kleine Fellbündel bekam eine spezielle Milch, zunächst neunmal täglich. Aber im Gegensatz zu anderen Raubkatzen wie Löwen, die problemlos in der Aufzucht sind, gestaltete sich die Ernährung Embas als äußerst schwierig, viel Fingerspitzengefühl war nötig. "Ich musste ihr das Trinken erst beibringen", sagt Hinz und lässt damit erahnen, wie viel Arbeit und Geduld sie investieren musste. Unterstützung bekam sie von der ganzen Familie, inklusive des Hauskaters. "Er übernahm die Vaterrolle und brachte Emba einige Meerschweinchen."

Lukratives Geschäft mit Knochen, Fellen und lebenden Tieren

Der Grund für die schwierige Aufzucht liegt in der Herkunft der Tiere und ihrer Entwicklung in der Evolution. Beheimatet ist der Schneeleopard in zwölf Ländern Zentralasiens. "Jedes Tier hat dort einen Lebensraum von mehreren hundert Quadratkilometern", sagt Brase. Immer noch werden die Tiere gejagt. Der "König der Berge" ist vor allem wegen seines schönen Fells und der nachgesagten Heilkräfte seiner Knochen gefragt. Zwischenhändler zahlen mehr als 10.000 Dollar (etwa 7400 Euro) an Wilderer, um die Tiere nach China verkaufen zu können, berichtet der NABU. Inzwischen sei auch die organisierte Kriminalität in das lukrative Geschäft mit Fellen, Knochen und lebenden Exemplaren eingestiegen. Schneeleoparden gelten nach Angaben des Naturschutzbundes als die am stärksten bedrohte Großkatzenart der Erde.

Derzeit wird Emba abseits des Publikums an ihre Eltern "Shila" und "Ischtvan" gewöhnt. "Das ist bei diesen Tieren, die als Einzelgänger leben, nicht einfach", sagt Hinz. Die Tierpflegerin ist täglich mit ihr im Gehege unterwegs – "aber nur, wenn die Mutterkatze das will und in ihr Haus geht. "Sie ist sehr eigenwillig", fährt Hinz fort. Emba sei jetzt in dem Alter, in dem sie jederzeit sagen kann: "Halt stopp! Ich bin ein Raubtier und wenn ich will, greife ich Dich an." Hinz und Emba sind nun in der Phase der Ablösung, vom Zauber des kuscheligen Fellbündels ist bei der Schneeleopardin nur noch wenig zu sehen. In gut einem halben Jahr wird sie ausgewachsen sein. Die Verantwortlichen hoffen, mit der Aufzucht Embas und weiterer Schneeleoparden einen Beitrag zum Erhalt dieser Tierart leisten zu können.