Beleidigter Staatschef : Wo ist Lech Kaczynski?

Polens Präsident ist abgetaucht. Seit dem 21. Oktober, jenem Tag, an dem sein Zwillingsbruder Jaroslaw als Regierungschef die Parlamentswahl verlor, ist der Staatschef nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten.

Mary Sibierski[dpa]
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Der polnische Präsident Lech Kaczynski -Foto: AFP

WarschauMit seinem kommentarlosen Versteckspiel hat Lech Kaczynski (58) inzwischen in den Medien seines Landes Ironie und Spott geerntet. Warum er heute eine Reise nach Riga absagte, blieb im Dunkeln.

"Der Präsident ist irgendwohin verschwunden und es ist nicht klar, ob er sich mehr durch die Niederlage seines Bruders oder durch den Sieg von Donald Tusk beleidigt fühlt", schrieb die polnische Journalistin Monika Olejnik in der Zeitung "Gazeta Wyborcza". "Herr Präsident, seien Sie nicht traurig, Ihr Bruder hat nur eine kleine Schlacht verloren und Sie sind nach wie vor der wichtigste Mann im Land", tröstete sie den Mann an der Staatsspitze.

Kein Glückwunsch an Donald Tusk

Dessen Sprecher ließ unterdessen verlautbaren, dass Donald Tusk solange nicht mit einem Glückwunsch des Präsidenten zum Sieg rechnen könne, bis sich der Chef der Liberalen für seine offenkundigen Beleidigungen der Kaczynskis im Wahlkampf entschuldige.

Dazu meinte die Journalistin Katarzyna Kolenda-Zaleska: "Wirklich, verehrte Herren! Das können Sie nicht tun! Ein Staatsmann darf sich nicht angegriffen fühlen. Versuchen Sie nicht uns zu sagen, dass der Präsident so kleinlich und taktlos ist, mehr als 40 Prozent der Polen, die Tusk gewählt haben, einfach zu ignorieren. Nein. So einen Präsidenten kann Polen nicht gebrauchen."

Ironische Kommentare: "Wir haben unseren Präsidenten enttäuscht"

Der Kolumnist Jacek Zakowski ließ die Leser wissen: "Die Polen haben schon wieder enttäuscht, dieses Mal als Schuldige, wir haben unseren Präsidenten enttäuscht. Nach all dem sind wir nicht der Aufgabe gerecht geworden, die wir hätten erfüllen sollen. Wir haben nicht die richtige Wahl getroffen", ironisierte er und fügte hinzu: "Von dem Zeitpunkt an, von dem der Präsident von dem Wahlergebnis erfuhr, sprach er nicht mehr zu uns. Geben sie ein Lebenszeichen", forderte er den Präsidenten auf.

Dies soll es wohl nun demnächst geben. "Der Präsident wollte nur abwarten, bis sich die Gemüter beruhigen", erklärte sein Sprecher, Michal Kaminski. Er kündigte ein "baldiges" Interview des Staatsoberhauptes für die Zeitung "Rzeczpospolita" an. Der Präsident werde in diesem Interview "alles sagen, was nach der Wahl zu sagen ist", so Kaminski.

Jaroslaw Kaczynski hat angekündigt, auf der konstituierenden Sitzung des neuen Parlaments am 5. November seinen Rücktritt einzureichen. Sein Bruder Lech amtiert noch bis 2010.