Belgien : König Albert soll es richten

Belgien befindet sich seit mehr als 150 Tagen im politischen Vakuum. Jetzt soll der König helfen die Krise zu bewältigen. Doch der gehört eigentlich eher zu der ruhigen Sorte.

Andrea Schneider
Belgien Albert
Er solls richten: König Albert II von Belgien. -Foto: ddp

BerlinDer König muss es richten. Nach den seit Monaten ergebnislosen Verhandlungen zur Bildung einer Regierung in Belgien ist es nun an König Albert II., die Dinge endlich ins Lot zu bringen. Mit der Autorität des Monarchen lässt der 73-Jährige die Streithähne zu Einzelgesprächen antreten, um mit den Vorsitzenden der großen niederländischsprachigen und frankophonen Parteien nach einer Basis für eine gemeinsame Politik zu suchen.

Zwar kommt Albert II. auf den ersten Blick ein wenig farblos daher, manche sagen auch langweilig - so wie Belgien in Zeiten ohne politische Dauerkrise. Doch gerade wegen seiner leisen Art scheint der König wie gemacht dafür, sein von Spannungen zwischen Nord und Süd zerrissenes Land in ruhigere Fahrwasser zu lenken. Viele Belgier behaupten gar, nur ihr Königshaus bewahre Belgien vor der Spaltung.

Unverhofft zum König

Albert, der Prinz von Lüttich, kam zur Krone wie andere zu einem Lottogewinn - spät und unverhofft. Auf den Thron gedrängt hat es ihn nie. Bis heute erweckt er gelegentlich den Eindruck, er fühle sich in seiner Rolle nicht ganz wohl. Sein älterer Bruder und Vorgänger, der 1993 verstorbene volksnahe und vom Volk geliebte Baudouin, ist bei den Belgiern bis heute unvergessen. Albert musste in riesengroße Fußstapfen treten, und er tat sich schwer damit. Zu gut hatte er sich eingerichtet im Schatten seines großen Bruders, frönte seinem liebsten Hobby, dem Motorradfahren, und der ein oder anderen außerehelichen Liaison. Plötzlich stand er im Rampenlicht. Die Belgier bereiteten ihrem neuen König zunächst einen nicht eben überschwänglichen Empfang.

Dabei passt Alberts Weg auf den Thron zur Geschichte der belgischen Monarchie, in der sich die Ereignisse mehr als einmal überschlugen. Im August 1935 verlor Albert seine Mutter, Königin Astrid, bei einem Autounfall in Küssnacht in der Schweiz - ein Ereignis, das seine gesamt Jugend überschattete. Neun Jahre später wurden er und Baudouin gemeinsam mit ihrem Vater, König Leopold III., im Juni 1944 inmitten der Alliierten-Offensive von Nazi-Truppen zunächst nach Deutschland und dann nach Österreich verschleppt, wo sie erst im Mai 1945 von der US-Armee befreit wurden.

König mit ausgleichendem Wesen

Vielleicht auch angesichts dieser frühen Turbulenzen legte Albert später besonderen Wert auf Ruhe und Ausgleich - das zeigt sich auch in den bisher 14 Jahren seiner Regentschaft. Die Belgier haben Alberts ausgleichendes Wesen nach und nach zu schätzen gelernt, im Norden wie im Süden. Und das, obwohl der ein oder andere Flame im nördlichen Landesteil in regelmäßigen Abständen den Sinn der Monarchie in Frage stellt, die den Wallonen als besonders zugetan gilt. An die Abschaffung des Königshauses glaubt hier niemand, und die prunkvollen Hochzeiten der drei Königskinder, des Thronfolgers Philippe und seiner Geschwister Astrid und Laurent, rührten das gesamte Land zu Tränen.

In seltener Eintracht empörten sich Flamen wie Wallonen auch, als ein luxemburgischer Autor Albert unterstellte, in das Pädophilie-Drama um Marc Dutroux verstrickt gewesen zu sein und sogar selbst an Kindersex-Partys teilgenommen zu haben. Der Monarch ließ das Pamphlet verbieten.

Seitensprünge mit Folgen

Albert ist den Belgiern also mit den Jahren ans Herz gewachsen, obwohl - oder gerade weil - die Biografie des scheinbar so allürenfreien Monarchen auf den zweiten Blick nicht mehr ganz so blütenrein ist. So ist es ein offenes Geheimnis, dass in seiner Ehe mit der Italienerin Paola Ruffo di Calabria nicht nur Sonnenschein herrscht. Das Ergebnis einer der Seitensprünge des Monarchen lebt in London, die junge Künstlerin Delphine Boël, die einer Verbindung Alberts mit einer belgischen Adligen entstammt.

An die Belgier erging die Botschaft Alberts, für das eigene Leben Mut und Hoffnung daraus zu schöpfen, dass es auch am Königshof Krisen gibt - die sich aber bewältigen ließen. Möglich, dass der Monarch sich dieses Ratschlags auch in der gegenwärtigen Krise seines Landes erinnert. (mit AFP)