Der Tagesspiegel : Berlin hörte V-Mann trotz Sperrvermerks ab

Potsdamer Sicherheitskräfte werfen Hauptstadtbehörden „grobe handwerkliche Fehler“ vor

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In der V-Mann-Affäre, die das Verhältnis zwischen Berlin und Brandenburg ernsthaft zu belasten droht, werden immer neue Merkwürdigkeiten bekannt: Wie der Tagesspiegel aus informierten Sicherheitskreisen in Berlin erfuhr, hat das Berliner Landeskriminalamt (LKA) das Handy des für den Brandenburger Verfassungsschutz arbeitenden V-Mannes abgehört, obwohl die Nummer bei der entsprechenden Mobilfunkgesellschaft einen Sperrvermerk trug. Auf dem Handy hat der V-Mann auch mit dem so genannten Quellenführer beim Brandenburger Verfassungsschutz gesprochen.

Einen derartigen Sperrvermerk bekommen nach den gesetzlichen Regelungen keine normalen Bürger, sondern in der Regel nur Personen, die für Sicherheitsbehörden arbeiten, zum Beispiel V-Leute. In den erwähnten Sicherheitskreisen heißt es, die Beamten des LKA hätten, als sie auf den Sperrvermerk stießen, die Hintergründe prüfen und den Berliner Verfassungsschutz einschalten müssen. Sie hätten dann erfahren, was sie offenbar nicht wussten: Dass es sich bei Toni S. um eine Quelle des Brandenburger Verfassungsschutzes handelte. Dass sie nicht geprüft haben, sei ein „grober handwerklicher Fehler". Möglicherweise habe der zur Enttarnung des V-Mannes geführt. Mit ihm ist eine der wichtigsten Quellen des Brandenburger Verfassungsschutzes in der neonazistischen Musikszene verbrannt.

Nach wie vor wird in Sicherheitskreisen nicht ausgeschlossen, dass die Enttarnung auf einer Verwechslung beruhte: Möglicherweise habe man beim Berliner LKA angenommen, dass Toni S. der Anführer der Neonazi-Band „White Aryan Rebels“ sei, gegen die sich die Razzia in Berlin-Marzahn am vergangenen Wochenende gerichtet habe. Tatsächlich sei es der sehr viel gefährlichere Lars B. der Kopf, der seit Jahren in Berlin neonazoistische Netze aufbaut. Er sitzt jetzt zwar ebenfalls in Untersuchungshaft, nach Tagesspiegel-Informationen offenbar aber vor allem aufgrund von Hinweisen, die man aus Brandenburg bekommen habe: Pikanterweise sollen sie von dem inzwischen enttarnten und damit als Quelle verbrannten Cottbuser Toni S. stammen, der für die Logistik der Neonazi-Band zuständig war.

Die Enttarnung des V-Mannes hat zu einer schweren Verstimmung zwischen Brandenburger und Berliner Regierungskreisen geführt. In den letzten Tagen wiesen sich beide Seiten gegenseitig die Schuld zu. Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) hat angekündigt, dass die Enttarnung schwerwiegende Folgen für die Zusammenarbeit haben werde. Michael Mara

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