Berlin : ... den Weihnachtsmann

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Überraschung ganz oben auf dem Fernsehturm! Er sieht genauso aus wie erwartet: Roter Kapuzenmantel mit weißem Nerz (von H&M, Karl Lagerfeld?), Nickelbrille von Fielmann, dahinter wache, tannengrüne Augen. Aber der gabenschwere braune Sack fehlt. Keine Geschenke in diesem Jahr? Nur eine lederne Aktentasche unterm Arm trägt der gute Mann. Ob sie große Schecks, Gutscheine für Reisen auf die Malediven, Dauerkarten für die WM 2006 oder wenigstens zwei Ehrenkarten für die feierliche Eröffnung birgt? Fehlanzeige! Nichts als einen Laptop – allerdings aus reinem Platin.

Er grinst freundlich zu meiner Frage, wozu er denn das wertvolle Gerät brauche. Nun, darin sammle und sortiere er jeden Weihnachtswunsch auf der Erde. Das habe enorme Vorteile. In Sekundenschnelle ließen sich die verschiedenen Wünsche zu Großbestellungen bündeln und ein optimales logistisches Konzept berechnen. Das bringe günstigere Einstandspreise und niedrige Versandkosten. Mit seinem Statistikprogramm „Wertewandel“ lasse sich erkennen, welche soziokulturellen Merkmale der Menschen mit welchen Wünschen wie korrelieren und wie sich ihre Wunschprofile im Laufe der Jahre ändern. Die geringe Zahl von Muffs auf den Wunschzetteln zeige den Klimawechsel an.

In einem besonderen Ordner sammelt er „Unerfüllbare Wünsche“. Gut gelaunt, weil die Geschäfte in diesem Jahr doch wieder etwas besser gehen, öffnet er ihn kurz. Was man dort alles sieht: Berlin als hundedreckfreie Stadt (1,3 Millionen Nennungen), Aufgabe der trostlosen Stimmannschen Kommodenarchitektur (23 412), nur kleine putzige Weihnachtsmänner als Graffiti (235 789), ein Berliner Wirtschaftswachstum über dem Bundesdurchschnitt (17), kein Hartz an den Tannenzweigen (85 732).

Dann will der Weihnachtsmann den Ordner schließen, tippt aber aus Versehen auf den Link „VIP-Wünsche“. Unglaublich! Gerhard Schröder möchte das arme Kind aus dem Stall in Bethlehem adoptieren, Klaus Wowereit wünscht sich, er möge sich an die Daten vom Beginn und Ende seiner Regierungszeit zuverlässig erinnern können, Hans Eichel möchte die Zahl 3 für immer aus der arithmetischen Reihe löschen, Ulla Schmidt bittet darum, dass alle Ärzte ab 2005 ehrenamtlich arbeiten, und Angela Merkel möchte nicht als Einzige in der CDU-Spitze den regulären Strompreis zahlen.

Ob er denn selber keinen Wunsch zum Christfest habe, frage ich den Weihnachtsmann. Doch, er könnte noch günstiger einkaufen und verteilen, wenn sich endlich alle Menschen auf einen Wunsch einigen könnten – am liebsten etwas Immaterielles wie Frieden oder Glück. Das entlaste auch die Umwelt.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegel

Der Weihnachtsmann , geboren im späten Mittelalter in der Nähe von Straßburg.

Studium der Theologie (abgebrochen) und der Logistik. Saisonarbeiter ohne festen

Wohnsitz.

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