Berlin : ... nur die Wurst hat zwei

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Enno Lenzen und Hannah Beer aus Bochum haben gestern vergebens unterschrieben. Genauso wie Familie Michel aus Frankfurt am Main und Stefan Glasenhardt aus Heilbronn. Die Berlin-Besucher haben vor dem Brandenburger Tor erst eine Bratwurst gegessen und gehört, dass der Imbissstand ab Oktober nicht mehr auf dem Pariser Platz stehen darf. 40 000 Unterschriften gebe es schon, sagt Curt Bösenberg, einer der beiden Betreiber. Prominente Kunden wie Iris Berben, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Udo Lindenberg hatten an seinem Grill gegessen. Am Mittwoch entschied das Verwaltungsgericht, dass die Bude noch bis Ende Oktober bleiben darf. Keinen Tag länger.

Gerade kommen 15 Touristen aus Cloppenburg. „Was kann ich Euch antun?“ fragt Kerstin Rosin, die Grillwurst-Verkäuferin, und säbelt die Spitze einer Ketchupflasche mit einem großen Messer ab. Eine Rostbratwurst kostet einsachtzig, die Grillwurst – eine gebratene Bockwurst, eine Berliner Erfindung – zweidreißig. Nebenan spielt die Leierkastenfrau „Berliner Luft“ und „Oh, Donna Clara, ick hab’ dir tanzen jeseh’n“.

Der Grillstand mit der Plastikplane und dem Sonnenschirm steht am Pariser Platz zwischen Botschaften, Banken und dem Luxushotel „Adlon“. Gleich hinter den Bratwürsten beginnt kurz geschnittener englischer Rasen. Der Stand passe nicht ins städtebauliche Ensemble, hatte das Bezirksamt Mitte argumentiert. Die Klage der Betreiber auf Erteilung einer neuen Sondernutzungserlaubnis hatte das Verwaltungsgericht in Moabit am Mittwoch abgewiesen. Der jahrelange Kampf um den Imbiss ist vorbei. Bis Ende Oktober gilt noch eine Genehmigung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung – so lange am Pariser Platz gebaut wird, darf die Imbissbude bleiben. Das freut gerade noch die Arbeiter, die auf dem Platz zurzeit ein neues, an das historische Vorbild erinnernde Straßenpflaster legen. „An dieser Imbissbude schmeckt es“, sagt Steinsetzer Andreas Roscher aus Nordhausen. Mit seinem Kollegen Steffen Schieblich holt er sich jeden Tag eine Bratwurst mit Curry. „Die Schließung ist eigentlich eine Frechheit“, sagt Roscher. Ab Oktober müssen Hungrige dann nach nebenan, zu „Starbucks Coffee“: Eine „Pekan-Nusskuchenecke“ kostet dort zwei Euro vierzig. Christian Domnitz

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